Skizzen zu einer Indonesien-Reise:
Borneo – Java – Bali
5. Februar – 7. März 2017

 

Fernes Indonesien

Sonntag, 5. Februar 2017: Anflug und Ankunft

Flugreisen

Aufbruch zu einem „Emirates“-Flug in die sonnige indonesische „Regenzeit“. „Emirates erleben – Auf unseren Komfort und aufmerksamen Service können Sie sich bei allen Ihren Reisen verlassen“ – so die Eigenwerbung (www.emirates.com/de/german). Dem kann nicht widersprochen werden, selbst dann nicht, wenn man sich mit der Economy-Class begnügen muss. Dennoch, mit jeder Flugstunde werden die Bewegungsräume enger, das mediale Großangebot und der aufwändige Service verlieren an Attraktivität, die noch wachen Sitznachbarn werden unruhiger, die Wartezeiten vor den vielbesuchten Toiletten länger. Und obwohl man sich dem Reiseziel objektiv annähert, rückt es mental in immer weitere Ferne, weil man sich zunehmend auf das erträgliche Überstehen des langen Fluges konzentriert.

(Wir sind zu viert: Monika, Ulrike, Wilfried und ich. Gleichwohl wird häufig in der Ich-Form berichtet, vor allem dann, wenn subjektive Erlebnisse thematisiert werden. Denn was ich selbst auf „meiner“ Reise subjektiv wahrnehme, weicht womöglich von den subjektiven Erfahrungen der anderen ab, die wiederum ihre eigenen Reiseerlebnisse mit sich herumtragen.)

Nach Stunden sieht man dem Zwischenstopp in Dubai durchaus dankbar entgegen. In dem ausladenden Drehkreuz-Airport kann und muss man sich die Beine vertreten. Lange Wanderungen durch eine mehrstöckig angelegte grandiose Konsumwelt, die keine Wünsche offen lässt, obwohl sich die Wünsche des international bunt gemischten Publikums und der meisten Passagiere vermutlich in eine ganz andere Richtung bewegen: Wann und wo geht es weiter?

Das staunende Wandern durch die weitläufigen Shopping-Malls wird an den Pass- und Gepäckkontrollen unterbrochen, die vorübergehend die Aufmerksamkeit aller Beteiligten (der Kontrolleure wie der Kontrollierten) bündeln. Danach wieder schläfriges Warten auf den Anschlussflug. Die Zeit verrinnt verlangsamt bis zum Boarding nach Jakarta.

Internationales Drehkreuz Dubai

Internationales Drehkreuz Dubai

In einer kleineren Maschine wiederholen sich die weniger gemütlichen Erfahrungen des ersten Teils der Flugreise. Bis schließlich, nach abermals stundenlangem Flug, die Meilen zur Destination drastisch schrumpfen und der Sinkflug eingeleitet wird. Mit Erleichterung registriert man das Aufsetzen der Maschine auf der Landebahn, wo sie längere Zeit ausrollt, bis sie schließlich ihre Standposition erreicht. Zeit genug, um die Anweisungen der Stewardess Anke Engelke per Video-Clip noch zur Kenntnis zu nehmen: „Wir sind soeben am Flughafen … gelandet. Normale Menschen würden jetzt so lange sitzen bleiben, bis die Maschine zum vollständigen Stillstand gekommen ist. Da ich aber die meisten von Ihnen für hyperaktive Vollidioten halte, können Sie gerne jetzt schon aufstehen und Ihrem Nachbarn Ihren Arsch ins Gesicht strecken … . Wir werden trotzdem aus reiner Boshaftigkeit die Türen erst in zehn Minuten öffnen“ (www.you-tube.com / MySpassde: Hyperaktive Vollidioten). Gleichwohl, auch bei den Fluggästen unserer Maschine schlägt die Erleichterung unvermittelt in erwartungsfrohe Hektik um. Dem Klicken der Sicherheitsgurte folgt das Durcheinander in den Gängen bei der Suche nach dem eigenen Handgepäck. Schon vor Stunden wurde es mit Unterstützung des Bordpersonals auf verschiedene Deckenboxen so platzsparend verteilt, dass manche Passagiere längst vergessen haben, wo sich ihre eigenen Rucksäcke, Bordcases und sonstigen Reiseutensilien befinden. Das Suchen und Sortieren, das Drängeln, Rempeln und Stoßen und die vielsprachig gemurmelten Entschuldigungen wecken die Lebensgeister auch des letzten Dauerschläfers.

Augen auf und durch: Jakarta

Nach 14- oder 15stündigem Flug und der Überquerung mehrerer Zeitzonen ist das Ziel am folgenden Tag fast erreicht: Jakarta liegt in greifbarer Nähe. Die Maschine entlässt ihre Passagiere, die sich noch einmal in dichten Gruppierungen, manche geduldig, andere sichtbar ungeduldig, zunächst vor den Passkontrollen und danach an den Gepäckbändern versammeln, um nach ihren mitgeführten Habseligkeiten Ausschau zu halten. Allerlei andere Koffer ziehen in variantenreichen Farben und Formen gemächlich vorbei, bis die eigenen schließlich vom Band gehoben werden können. So endlich vollständig ausgestattet zieht man dem „Exit“ entgegen – und wird vom Verkehrstrubel am International Airport Soekarno-Hatta erschlagen.

Am Ausgang wartet und wuselt ein buntes Völkergemisch. Dem Reisenden aus dem Westen gelingt es schwerlich, die verschiedenartigen Outfits ethnisch zuzuordnen. Dazwischen patrouillieren Polizeikräfte, die ihre sehenswerten Uniformen und polierten Abzeichen mit Würde zur Schau stellen, wobei auf den ersten Blick nicht so genau auszumachen ist, ob sie das sie umwogende Chaos aufmerksam oder doch eher gelangweilt beobachten, gleichwohl jederzeit bereit, bereitwillig Auskunft zu geben, wenn sie von Orientierungssuchenden angesprochen werden. Großbusse, Kleinbusse, Taxis, PKW in Groß- und Kleinformaten rollen in Endlosschlangen am Flughafengebäude vorbei. Mit lautem Geschrei versuchen zivile „Parkwächter“, den Verkehrsfluss einigermaßen übersichtlich so zu regeln, dass kurzfristiges Ein- und Ausparken gelingt und Fußgänger mit und ohne Gepäck gelegentlich unbeschädigt die Straße überqueren können.

Es gelingt uns sogar, in dem ganzen Tollhaustrubel unseren örtlichen Reiseleiter ausfindig zu machen, ein Einheimischer, der uns mit einem bereitstehenden Taxi aus dem Flughafenareal hinaus- und auf verkehrsüberlasteten Straßen in die Stadt hineinführt – auf mehrspurigen Ausfallstraßen, vorbei an modernen Bürokomplexen, auf verschlungenen Nebenstraßen durch dicht verbaute und eher armselig anmutende Wohnsiedlungen, über Kreuzungen, die durch großdimensionierte SUVs ebenso wie durch die unzähligen Motorbikes aller Art völlig verstopft sind, vorbei an mobilen Garküchen auf Rädern am Straßenrand, die den Verkehr noch zusätzlich behindern. „Katas­troph’!“ – so der Originalton des Reiseleiters. Und in der Tat, in diesen chaotischen Verkehr möchte sich der Fremde als aktiver Teilnehmer nicht einmischen. Nur die Einheimischen sind offenbar in der Lage, sich gelassen und „reibungslos“ durchzuwurschteln. Wir dagegen sind froh, als wir in dem für uns gebuchten Viersterne-Hotel „Santika Hayam Wuruk“ irgendwo in der Stadtmitte (wenn es sie denn gibt) wohlbehalten eintrudeln.

Auch in dem wohlgefälligen Hotel verliert sich meine Fluchttendenz nicht gänzlich, wenn ich mir das bereits Gelesene in Erinnerung rufe: Jakarta, die Hauptstadt der Republik Indonesien, in der gleichnamigen Bucht an der Nordwestküste der Insel Java an der Mündung des Ciliwung gelegen, ist mit ihren rund 10 Mio. Einwohnern die größte Stadt Südostasiens, die gesamte Metropolregion Jabodetabek mit etwa 30 Mio. der zweitgrößte Ballungsraum weltweit. Die Hauptstadt als politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum des Landes und vor allem: der zentrale Verkehrsknotenpunkt. Ineinandergeschobenen Stadtteile und übergangslos ineinanderwuchernde Städte (Jakarta, Bekasi, Bogor, Depok, Tangerang), überall grandiose neuere Wohnblocks zwischen sich wegduckenden alten Wohnvierteln. Eine übervölkerte und überfüllte Metropolregion, die architektonische Umsetzung einer Mehrklassengesellschaft, so zumindest der Eindruck auf den ersten Blick (vgl. dazu im Detail Wikipedia: „Jakarta“).

Elizabeth Pisani, die Vielgereiste und mit den indonesischen Verhältnissen Vertraute – sofern man als Westeuropäerin mit indonesischen Verhältnissen überhaupt vertraut werden kann –, bringt es auf den Punkt: „Jakarta ist keine leicht zu liebende Stadt, sondern ein riesiges, chaotisches, selbstsüchtiges, übellauniges Monument des Ehrgeizes und Konsums, eine Stadt, die keine Grenzen zu kennen scheint. Sie ist überfüllt, schmutzig und laut, steht auf einem Sumpf und wird jedes Jahr überflutet. Dennoch haben die Bürger Jakartas ein bemerkenswertes Talent, die Launen der Stadt in Tugenden zu verwandeln“ (Pisani, 2015, S. 47).

Vorbereitung auf ein (mir) unbekanntes Land

Das Pisani-Buch „Indonesien und so weiter“ habe ich auf dem langen Flug gelesen, um mich auf das fremde Indonesien „vorzubereiten“. Ein Land, von dem ich bisher nur die Namen einzelner Inseln kannte, die, so zeigt es die Weltkarte, zerfledert im Indischen Ozean verankert liegen. Elizabeth Pisani ist ein herausragendes Buch gelungen, „wunderschön geschrieben und äußerst unterhaltend“, so „The Economist“. Und es bleibt anzufügen: ein höchst informativer und gesellschaftspolitisch tieferschürfender Reisebericht, den jeder Indonesienreisende im Gepäck haben will, dem an einem aufmerksamen Reisen gelegen ist:

„Indonesien ist ein Land voller Unglaublichkeiten. Ein Präsidentschaftskandidat, der gleichzeitig Sultan ist und im Nebenberuf die Handelskammer des Landes leitet, hält an seinem Hof eine Gruppe zwergwüchsiger Albinos als Glücksbringer. Ein Polizeichef erklärt, man habe die Krokodile zusammengerufen, damit die Unschuldigen unter ihnen den Menschenfresser in ihrer Mitte benennen. Es ist ein Land, in dem man mit einem General ein Bier trinken kann, der frohgelaunt zugibt, einen Guerillakrieg zu verlängern, weil das seinem Budget gut tut – und in dem man zum Tee mit einer Leiche eingeladen wird.

Tatsächlich ist das Land selbst eine Unglaublichkeit. Es besteht aus 13 466 Inseln mit Menschen aus über 360 Ethnien, die 719 Sprachen sprechen“ (S. 11). Ein Land, das zu einer Nation zusammengewürfelt und zusammengebunden wurde, in dem die kulturellen und religiösen Traditionen unterschiedlicher nicht sein können, die auch heute noch das Leben der verschiedenartigen „Indonesier“ bestimmen. „Die Menschen von Papua und die von Aceh ernähren sich unterschiedlich, beten zu unterschiedlichen Göttern, machen unterschiedliche Musik und gehören unterschiedlichen Rassen an. Und auch auf den Inseln dazwischen gleicht ein wildes Durcheinander weiterer Kulturen die alten Traditionen und völllig unterschiedlichen Lebensweisen den modernen Zeiten an.

Jeder dreißigste Mensch auf unserem Planeten lebt im heutigen Indonesien – bei der letzten Zählung waren es 240 Millionen. … In Jakarta werden mehr Tweets verfasst als in jeder anderen Stadt der Erde, und etwa 64 Millionen Indonesier nutzen Facebook. … Aber etwa 80 Millionen leben ohne elektrischen Strom (was knapp der deutschen Bevölkerung entspricht) und 110 Millionen von weniger als zwei Euro pro Tag (so viele Einwohner hat Mexiko). …“ (S. 12 f.)

Und weiter: „Indonesiens Vielfalt ist nicht einfach nur geografischer, sondern auch kultureller Natur, verschiedene Gruppen leben in verschiedenen Stadien der menschlichen Geschichte, und das gleichzeitig. Im frühen 21. Jahrhundert sind einige Teile des Landes hypermodern, in anderen verbringen die Leute ihre Tage noch ganz so, wie es ihre Vorfahren getan haben, und oft koexistiert das mehr oder minder Alte mit dem relativ Modernen an einem Ort. Bauern fahren mit dem Motorrad zum Reisfeld, und Dorfbewohner filmen rituelle Opfer mit ihren Handys“ (S. 96).

Mir wird klar: Auf einer vierwöchigen Indonesienreise lässt sich Indonesien kaum erkunden. Allerhöchstens gelingt ein Kennenlernen einzelner Inseln, und selbst dann wird sich der Besucher, der sich dort zum ersten Mal aufhält, mit einem eher oberflächlichen Erfahren begnügen müssen.

Borneo: Im tropischen Regenwald

Dienstag, 7. Februar 2017: Auf dem Klotok

Nach der langen Fliegerei: Entschleunigung und Entspannung

Aufbruch am frühen Morgen des nächsten Tages, um abermals per Flugzeug von Jakarta aus auf die Insel Borneo überzusetzen. Wir landen auf dem kleinen Flughafen von Pangkalan Bun im Südwes­ten von Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel. Dort nimmt uns wiederum ein lokaler Guide, diesmal eine junge Reiseleiterin, in Empfang, die uns mit zwei bereitstehenden Taxis zur nahegelegenen Hafenstadt Kumai bringt. „Es ist eine ruhige, kleine Hafenstadt mit einem Markt, Fährhafen und knapp 40 000 Einwohnern“ (Jacobi et al, 2015, S. 592), die wir allerdings nur zum Hafen hin durchqueren, um uns dort in eines der zahlreich ankernden Klotoks „einzuschiffen“.

Unser Klotok

Unser Klotok

"Bootscamping"

„Bootscamping“

Klotoks sind kleinere motorisierte, zweistöckige Hausboote, auf denen hier in Kumai vornehmlich Touristen auf dem Kumai- und Sekonyer-River am Tanjung Puting Nationalpark entlang geschippert werden. Es ist alles an Bord, was der gemäßigt abenteuernde Tourist für eine zwei- bis viertägige Bootstour braucht: Im Unterschiff eine einfache Toilette, die mit Schöpfwasser aus der Tonne gespült wird; sogar eine Dusche mit einem brauchbaren Wasserstrahl, wenn der Generator Wasserdruck erzeugt (für die insgesamt acht Leute an Bord ist allerdings eine abgestimmte Organisation der Morgen- und Abendtoilette erforderlich). In der „Küche“ wird das Essen auf dem wiederholt blankgespritzten Boden zubereitet: Die Küche so niedrig wie der „Mannschaftsraum“ und das minimierte Steuerhaus des Kapitäns. Der Essplatz für die Gäste auf dem Freiluftdeck des Hinterschiffs. Im überdachten Mittelteil die beiden dicken Matratzen als Schlafgelegenheiten für zweimalzwei Personen, über denen bei Einbruch der Dunkelheit ausladende Moskitonetze heruntergelassen werden, so dass wir wie in zwei Himmelbetten nebeneinander im Freien schlafen, unser Gepäck „griffbereit“ um die beiden Himmelbetten drapiert. Frischwassertanks stehen fürs Kochen, Spülen und die bescheidene Körperhygiene zur Verfügung; das Brauchwasser wird „selbstverständlich“ dem Fluss zugeführt, wobei man gar nicht so genau wissen möchte, was da so alles hinausgeschwemmt wird und sich mit dem braunen Flusswasser vermengt.

Die Mannschaft hat das Boot im Griff. Der kleine, rundliche Kapitän steuert es gelassen gegen den Strom, fröhlich und immer strahlend. Seine Manöver sind gekonnt und sämtliche Engpässe werden problemlos gemeistert. Unterstützt wird er von einem Assistenten, zuständig für die Bordtechnik und für die Hilfe beim Navigieren ebenso wie für die Versorgung und Bewirtung der Gäste. Er weiß, wo und wie man zupacken muss und ist ständig im Einsatz. Kapitän und Assistent sind ein gut eingespieltes Team.

Als dritte im Bunde ist eine Köchin an Bord, die höchst abwechslungsreiche und wohlschmeckende Gerichte zaubern kann. Die taffe junge Frau, das Gegenbild einer fülligen Mummy-Köchin, werkelt die meiste Zeit mit ihren Töpfen im Unterschiff, wo sie in einer hockenden Körperhaltung Köstlichkeiten zubereitet. Die Gäste bestaunen ihr flinkes Hantieren in der Dauerhocke, die ihnen extrem unbequem erscheinen muss, weil sie sich selbst nur noch unter Mühen auf diese Weise bewegen könnten. Sie sitzen sehr viel lieber bequem auf Stühlen, bevor ihnen, sobald die Gerichte mittags und abends auf den Tisch kommen, das Wasser im Munde zusammenläuft. Der einzige Nachteil: Auf dem muslimischen Boot gibt’s keinen Alkohol, weder Wein noch Bier, nur Wasser und Kaffee bzw. Tee. Zwar kommt es bei den anders- und nichtgläubigen Gästen zu keinen Entzugserscheinungen, aber gelegentlich, meist in der weltentrückten Abenddämmerung, werden Bekenntnisse der anderen Art geäußert: Was würde jetzt ein schönes, kühles Pils wohltuend durch die Kehle rinnen und den Abend wohlgefällig abrunden!

Coffee time im Dschungel

„Coffee time“ im Dschungel

Und dann ist da noch die kleine R., die uns auf unserer Bootstour als kundige Reiseleiterin begleitet und über die Flora und Fauna allerhand zu erzählen weiß. Das „Mädchen“ unter uns Alten, weshalb sie sich selbst bald zu unserer „Tochter“ kürt: „We are a family!“ Sehr freimütig erzählt sie auch von ihrem eigenen Leben: Als gläubige Muslima lässt sie sich ohne Kopftuch nie in der Öffentlichkeit sehen, auch auf dem Schiff bleibt ihr hübsches Gesicht immer von einem Tuch umschlungen. Zu den gebotenen Zeiten zieht sie sich mehrmals täglich zum Gebet zurück, auch wenn sie als Reisebegleiterin unterwegs ist. Da sie jetzt aber gerade „ihre Tage“ hat, also unrein ist, beschränkt sie sich auf ein „innerliches“ Beten. Ihre 31 Jahre sieht man ihr nicht an, auch nicht, dass sie bereits eine vierjährige Tochter hat, die, nach einer Scheidung, beim Vater lebt. Die üblichen muslimischen Familien-Regelungen? R. arbeitet als Freelancerin, und wenn sie nicht für eine Reiseleitung eingesetzt wird, hilft sie ihrer noch jungen Mutter im Restaurant.

„Schwalbennester“

Der Motor beginnt zu tuckern, das Boot legt ab, für die westlichen Touristen nimmt das Abenteuer seinen Lauf.

Das Boot gleitet zunächst den breiten Kumai-River hinauf. Vorbei an niedrigen Wohnhäusern und Holzhütten, das Ufer mit Fischerbooten und größeren Trawlern belegt. Vorbei an hohen Betonklötzen mit „Schießscharten“, aus denen das weithin hörbare Gekreische von Vögeln dringt. Es handelt sich um Bauten, in deren Innerem Salanganen, die zu den Mauerseglern gehören und mit Schwalben nur entfernt verwandt sind, ihre Nester an die Mauern zementieren. Diese „bestehen hauptsächlich aus eiweißreichem, zähem Speichel, dem Nestzement, der eine hell durchscheinende und gelatinöse Masse bildet. Die besonders begehrten ‘weißen’ Schwalbennester stammen von der in fast ganz Südostasien verbreiteten Weißnestsalangane (Aerodramus fuciphagus). Die Nester der Schwarznestsalangane (Aerodramus maximus) werden wegen der in den Nestzement eingearbeiteten dunklen Federn als ‘schwarz’ bezeichnet“ (Wikipedia: Schwalbennestersuppe).

Im Innern der Mauern werden also tierische Delikatessen vorbereitet: Obgleich es sich nicht eigentlich um Schwalbennester handelt, wird die „gelatinöse Masse“ für die im Deutschen so genannte „Schwalbennestersuppe“ verwendet. Vor allem die Chinesen sind schon seit langem auf den Geschmack gekommen, wenngleich die Suppe dort weniger wegen ihres Geschmacks als vielmehr wegen ihrer aufwändigen Zubereitung und der angeblich kräftigenden Wirkung als wertvolle und sehr teure Köstlichkeit geschätzt wird. Da in China jedoch keine derart köstlichen Nester zu finden sind, ist man auf Importe aus Thailand, Indonesien und Indien angewiesen. Und Kumai scheint in großem Stil in das Geschäft eingestiegen zu sein.

Bootsfahrt in den tropischen Regenwald

Die Wildnis empfängt die Bootsfahrer, wenn sie aus dem breiten Kumai- in den schmaleren Sekonyer-River hineindriften, der die nordöstliche Grenzlinie zum Tanjung Puting Nationalpark bildet.

Die Ufer sind zunächst noch gesäumt von gleichförmigen Palmenwäldern, von Nipapalmen (wenn ich nicht ganz falsch liege). Sie rücken zunehmend dichter an den Fluss heran und werden, je weiter wir flussaufwärts gelangen, von einer immer abwechslungsreicheren Vegetation abgelöst. Wir tuckern eher ahnend als wirklich „sehend“ in den tropischen Regenwald hinein. Denn „schier unerschöpflich scheint die Fülle der Pflanzenarten. Allein auf Borneo findet man rund 3000 Baumarten, z. B. die 60-
70 m hohen Riesenbäume, die von mächtigen Brettwurzeln gestützt werden, oder Feigenbäume mit ihrem Labyrinth aus Stelz- und Luftwurzeln, zudem etliche Arten von Edelhölzern wie Teak-, Sandel- und Eisenholz. … Zwischen den Bäumen finden Sträucher und Baumfarne Raum, die mit weniger Licht auskommen können; man zählt etwa 150 Palmenarten, 300 Rhododendren und über 200 Bambusarten!“
 (Jabobi et al., 2015, S. 102). Vom Boot aus lassen sich zumindest die verschiedenen „Etagen“ dieses immergrünen Regenwaldes erkennen.

Am versumpften Ufer breiten sich neben allerlei dicht ineinander verwurzelten Wasserpflanzen auch Wasserhyazinthen aus, von denen das eine oder andere blaublühende Exemplar Farbe in die Grünvariationen bringt. Wassersalat, Wasserhyazinthen, ganze Pflanzeninseln treiben an unserem Boot vorbei, um anderswo Halt zu suchen und wieder am Ufer anzudocken. Über dem Fluss erhebt sich ein undurchdringliches Gewirr von baumartigen Sträuchern und Bäumen. Es bleibt beim Staunen anstelle von Erkennen. Denn es bedürfte eines forstbiologischen Studiums, um in diese Vielfalt der Vegetation kundig einzudringen. Palmen und farnblättrige Sträucher, Gummi-, Frangipani-, Mango-, Rambustan-, Mangostan-, Merawan- und Pandanusbäume, manche mit grünen und roten Früchten, andere mit gelben, orangefarbenen und roten Blüten. Dazwischen pendeln lange Luftwurzeln wie frei schwingende Seile, die vom Wind bewegt werden. Lianen aller Art winden sich um Baumstämme und Äste ebenso fest vertaut wie die Würgefeigen und irgendwelche dornigen Kletterpflanzen. Viele Stämme sind von Epiphyten dicht besetzt, von denen uns wenigstens die Geweihfarne ins Auge fallen. Und im obersten Stockwerk ragen die vereinzelt stehenden Riesenbäume noch über das geschlossene Kronendach der mittleren Etage des Uferwaldes hinaus, 60 bis 70 m hoch sollen sie wachsen, während die anderen Bäume um die 40 m erreichen, ihre riesigen Brettwurzeln verleihen ihnen Standfestigkeit.

Tierische Überraschungen: Krokodile und Affen

Die Bootsfahrt auf dem Sekonyer-River hält auch manche tierische Überraschungen bereit. Der Motor wird gedrosselt und dann ganz ausgestellt, aufgeregte Rufe aus der Kapitänskajüte ziehen unsere Aufmerksamkeit von den Uferwäldern ab und richten sie auf den Fluss. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir eine Reihe von Zacken, die neben dem Boot an der Wasseroberfläche treiben. Es ist die Panzerleiste eines Flusskrokodils, das ab und an auch mit dem Kopf und mit seinem Körper auftaucht und sich dann wieder von uns entfernt. Wenig später manövriert der Kapitän das Boot langsam ans Ufer und legt es unmittelbar in Ufernähe still. Mit scharfem Auge hat er dort ein weiteres Exemplar eines prächtigen Krokodils ausgemacht, das sich in nur wenigen Metern Entfernung in den Schlamm eingebettet hat, um sich von der Sonne wärmen zu lassen. Nicht nur die Reisenden stehen leise flüsternd an den Reling, auch die Mannschaft hat sich zum stummen Beobachten versammelt. Das große Tier liegt bewegungslos, leblos wie ein Saurier aus Plastik. Dann plötzlich wirft es seinen Turbolader an, schießt mit einigen Peitschenschlägen ins Wasser und ist verschwunden – und lässt uns erschrocken zurück. Den Warnungen schenken wir nun Glauben: Schwimmen im Sekonyer-River sei lebensgefährlich!

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Lauern im Uferdickicht

In den Bäumen werden Äste gebogen und das Blätterdach kommt an einigen Stellen in raschelnde Bewegung. Eine ganze Makakenhorde tobt durch den Uferwald und führt uns artistische Kletter- und Schwungkünste vor, unter Einsatz sämtlicher Extremitäten einschließlich des langen, kräftigen Schwanzes, den sie ebenfalls, das Schwanzende um einen Ast gerollt, als Greifwerkzeug einsetzen können. Anderswo hat eine Gruppe in den Baumwipfeln eine Pause eingelegt. Friedliches Sitzen und Fressen, nur die Jungtiere wollen lieber turnen als stillhalten. Ihre Aufdringlichkeit erleben wir an einer Anlegerstelle: Als wir am wohlgedeckten Tisch auf dem Oberdeck beim Essen sitzen, springt einer der übermütigen Affen aufs Boot, um sich an unserem Früchte-Nachtisch zu bedienen. Erst lärmendes Händeklatschen kann ihn vertreiben, mit Mangofrüchten im vollgestopften Maul. Gleichwohl sollen die Makaken, so wird uns erzählt, gefährlich leben: Um den Fluss zu überqueren, lassen sie sich von den Bäumen ins Wasser plumpsen, um auf die andere Uferseite zu gelangen – und da lauern hungrige Krokodile!

Im Vergleich zu den quirrligen Makaken wirken die Nasenaffen, die man nur noch auf Borneo zu Gesicht bekommt, geradezu seriös. Oder hängt das damit zusammen, dass wir die meisten Tiere spätnachmittags nur „thronend“ in den Bäumen sitzen sehen? Die Nasen hängen den Männchen unverkennbar ins Gesicht, und die Frage bleibt nicht aus, ob der Evolution da wohl ein Missgeschick passiert ist. Aber was den Menschen als ästhetischer Mangel erscheint, wirkt auf die Nasenaffen-Weibchen offenbar höchst attraktiv. Die Nase des Männchens ist sein Markenzeichen, das niemand im Tierreich ihm streitig macht: Wie eine große schlaffe Birne baumelt sie ihm über der Oberlippe – je länger, desto größer sind seine Chancen beim anderen Geschlecht. Die Nase ist übrigens auch ein wunderbarer Resonanzkörper beim Brummen und Knurren, mit dem sich die Tiere innerhalb ihrer Gruppe verständigen. Oder bei den Warnrufen, wenn Feinde nahen“. „Ihre Leidenschaft ist das Wasser. Unter allen Primaten sind Nasenaffen wohl die besten Schwimmer, können sogar 20 Meter weit tauchen und haben Schwimmhäute zwischen den Zehen. Kein Wunder, dass sie sich ihre Wohn- und Schlafbäume stets nah am Wasser suchen: In den Mangrovenwäldern entlang der Flüsse, in den Sümpfen der Tieflandregenwälder und an den Küsten.“

Die Nase als Attraktivitätsmerkmal bei Nasenaffen (Wikipedia)

Die Nase als Attraktivitätsmerkmal (Wikipedia)

Auch die Nasenaffen springen von den Bäumen direkt ins Wasser, wo die Krokodile, wie gesagt, der Beute harren. Diese haben jedoch nicht mit der Lernfähigkeit jener gerechnet. Denn die Nasenaffen tricksen ihre Fressfeinde dadurch aus, dass sie vorm Sprung ins Wasser erst abwarten, bis ein Klotok an ihrem Baum vorbeituckert und sich die Krokodile erst einmal ins Uferdickicht verziehen (vgl. www.abenteuer-regenwald.de). Freie Bahn den schwimmenden Affen! Zwar haben wir auf unserer Bootsfahrt nichts dergleichen gesehen, aber wir wollen’s gerne glauben.

Donnerstag, 9. Februar 2017: Soft-Trekking

Eine Nachtwanderung

Nach einigen Stunden Bootsfahrt landen wir in Tanjung Harapan an, um dort die erste „Camping-Nacht“ auf dem Boot zu verbringen. Da die Dämmerung noch nicht eingesetzt hat, kann ich mich an der Auswilderungsstation für Orang Utans in Ruhe umsehen. Einige gepflegte Holzhütten stehen zwischen neu gepflanzten Bäumen in Ufernähe, Unterkünfte für die Parkranger, die den Tag, mit ihren Familien vor den Tür sitzend, in der Abendsonne ausklingen lassen.

Auf dem warmen Sandboden sitzen Sandlaufkäfer (Cicindela equarte?) en masse. Ich nehme die wunderschön blaugrün glänzenden Schmuckstückchen erst wahr, als sie hierhin und dorthin davonfliegen. Da mein entomologisches Interesse den Käfern gilt, gehe ich zurück zum Boot und hole den vorsorglich mitgeführten Käscher, ohne den sich ein Insektenkundler nie auf den Weg macht. Aber die hochempfindlichen Tierchen halten mich zum Narren und entwischen ständig. Obwohl ich mich auf Knien anpirsche, wenn sie sich auf dem Sandboden niedergelassen haben, sind sie weg, bevor der Käscher auf dem Boden aufschlägt. Das Sammlerglück bleibt also aus. Aber wenigstens biete ich den Rangern eine seltsam amüsante Abendunterhaltung. Das gespannte Beobachten löst sich auf in Lachen und Winken, als ich mich wieder dem Boot zuwende.

Bei Einbruch der Dunkelheit werden wir von einem der Ranger ein Stück weit in den Regenwald hinein begleitet. Die Sandlaufkäfer sind natürlich schon längst verschwunden. Unerwartet erfassen die Lichtkegel unserer Taschenlampen immer wieder anderes merkwürdiges Getier: eine große, schön gezeichnete Spinne, eine Nephila pilipes annulipes (?), zur Gattung der Seidenspinnen gehörend, die bewegungslos in ihrem Netz verharrt; riesige braune und grüne Stabheuschrecken, eigentlich Gespenstschrecken, die wie abgestorbene Ästchen in den Zweigen hängen und zu schaukeln beginnen, wenn sie eine Berührung verspüren; blauschimmernde und weißliche, fast durchsichtige Schmetterlinge (Morphos und Weiße Baumnymphen?), die sich zur Ruhe gesetzt haben und nur noch selten ihre Flügel öffnen und wieder schließen; ein blau glänzender Vogel mit einem roten Federhütchen und roten Bauchfedern, der offensichtlich einen Ast zum Schlafen gefunden hat und jetzt nicht weiß, wie ihm geschieht; ein weißlicher, hagerer Frosch, der sich an einem Ästchen festklammert; auf dem Boden ein Hirschkäfer, den wir beinahe zertrampelt hätten, bevor ich ihn in mein Fangglas rette; Feuerameisen, so benennt sie zumindest R., vor deren schmerzhaften Bissen uns unsere Stiefel schützen.

Unter einem toten Baumstück finde ich einige Brenthinae. Auf den ersten Blick wirken diese so genannten Langkäfer nächtens eher unscheinbar, erst später, bei genauerem Betrachten unter der Lupe, fallen ihre höchst merkwürdig geformten, langgestreckten Hals- und Kopfpartien ins Auge. Schon Alfred Russel Wallace (1823-1913), der große Darwin-Konkurrent, hat sie in seinem 1869 erschienen Buch, „The Malay Archipelago; The Land of the Orang-utan and the Bird of Paradise; A Narrative of Travel With Studies of Man and Nature“ (dt. Ausg. „Der Malaiische Archipel“, 2015) als Diurus furcellatus beschrieben. Einige der Brenthinae-Arten sind jedoch bis heute noch nicht bestimmt, und die Entomologen sind sich über deren korrekte taxonomische Zuordnung immer noch nicht einig.

Expeditionsträume

Die Bootstour bleibt erlebnisdicht, gleichgültig in welcher Reihenfolge welche Stationen angefahren werden (vgl. dazu die zahlreichen, variierenden Reiseangebote und die Reiseberichte im Internet). Am nahegelegenen Sekonyer Village auf der anderen Uferseite tuckern wir vorbei und schieben uns gemächlich weiter stromauf, erst einmal in Richtung Camp Leakey.

Während wir an dem im Uferwald versteckten Dörfchen vorbeischippern, formiert sich jenes träumerische Bild, das meinen Kopf lange Zeit nicht mehr verlässt – auch dann nicht, als wir schon längst wieder zurück sind: Im Sekoyner Village würde ich mich gerne für einige Wochen in einem Homestay einmieten, um die Umgebung genauer zu erkunden und nach Käfern zu suchen; dann könnte ich mich auch den Sandlaufkäfern im Camp auf der anderen Uferseite widmen, die mir ges­tern alle entwischt sind. Ich denke an meine Sammlung zu Hause. Die Exemplare aus Indonesien füllen schon einige Kästen. Die habe ich aber nicht selbst gefangen, sondern „nur“ auf Insektenbörsen erstanden habe: imposante Bockkäfer (Cerambycidae), deren lange Antennen den Körper nicht selten um mehr als das Doppelte überragen; Kästen voll mit Hirschkäfern (Lucanidae), deren Geweihformen immer wieder andere Varietäten aufweisen; große Prachtkäfer (Buprestidae), an deren prachtvoll glänzenden Flügeldecken man sich nicht sattsehen kann; oder die kleineren Rüsselkäfer (Curculionidae), die ihre geringere Körpergröße durch ihre bunten Farbmuster wettmachen.

Und da sind dann auch noch die Expeditionsberichte von Capt. Ulrich Paukstadt – wir werden ihn und seine Frau Laela Hayati auf Java noch treffen –, der als kundiger Entomologe schon seit Jahren in der indonesischen Inselwelt unterwegs ist, um Insekten zu erforschen. Ulli ist ein Schmetterlingsexperte, der inzwischen eine bestaunenswerte Sammlung von Atlasspinnern (Attacus) aus dem ostasiatischen Raum zusammengetragen hat, die man auch im Internet bestaunen darf (www.wildsilkmoths-indonesia.com). Er hat mit seinen Schriften nicht nur Einiges zur Taxonomie und Varietät der Pfauenspinner (Sarturniidae) beigetragen, sondern mir auch seine höchst anregenden Exkursionsbeschreibungen zugesandt, und nicht weniger spannend sind seine Erzählungen über die Abenteuer, die er bei seinen Unternehmungen, auf denen ihn seine Frau manchmal begleitet, durchgestanden und überstanden hat.

Zwar bin ich mir nicht sicher, ob und wie lange ich mich selbst noch auf derart abenteuerliche und asketische Exkursionen einlassen wollte, aber der Gedanke ist reizvoll: von einem abgelegenen Homestay aus loszuziehen, um den Käfern des Regenwaldes nachzuspüren. Ein bisschen Alfred Russel Wallace-Spielen, nachdem sich die Zeiten ins Komfortablere gewandelt haben.

Seinerzeit ist Wallace jahrelang durch eine abgelegene indonesische Inselwelt gezogen unter Bedingungen, die man sich heutzutage nur noch schwerlich vorstellen kann, und er selbst und seine Fänger haben alles eingefangen, was ihnen ins Netz ging oder vor die Flinte kam. Sein Expeditionsbericht ist faszinierend und an manchen Stellen grauslich zugleich, und er enthält manche Szenen, bei denen man sich amüsiert die Augen reibt. Wie etwa jene auf der Insel Buru, wo sich Wallace 1861 in dem Dorf Waypoti sein „Haus“ eingerichtet, seine Kästen aufgehängt und Gestelle aufgebaut hat, um dort die eingesammelten Vögel und Insekten zum Trocknen aufzubewahren und vor dem Zugriff der Ameisen zu schützen:

„Auf meinem Tisch lagen Bücher, Messer, Scheren, Zangen und Nadeln mit Insekten- und Vogeletiketten, – alles ungelöste Mysterien für das Gemüt eines Eingeborenen. Die meisten der Leute hier hatten noch keine Nadel gesehen und es gereichte den besser Unterrichteten zum Stolz, ihre unwissenden Landsleute die Eigentümlichkeiten und die Gebrauchsweise jenes seltsamen europäischen Produktes zu lehren – einer Nadel mit Kopf, aber ohne Auge! … Meine Absichten waren natürlich durchaus unter ihrer Fassungskraft. Sie fragten mich fortwährend, was die Weißen mit den Vögeln und Insekten täten, die ich so sorgsam aufbewahrte. Wenn ich nur das behalten hätte, was schön war, so würden sie es vielleicht verstanden haben, aber sie konnten es nicht fassen, das man Ameisen und Fliegen und kleine hässliche Insekten so sorgsam aufbewahrte, und waren überzeugt, dass noch irgendein medizinischer Nutzen oder eine Zauberei dabei wäre, über die ich ein tiefes Schweigen beobachtete [bewahrte]. Diese Leute waren in der Tat so vollständig unbekannt mit zivilisiertem Leben, wie es die Indianer des Felsengebirges oder die Wilden von Zentralafrika sind – und doch kommt ein Dampfschiff, jener höchste Triumph menschlicher Erfindungsgabe, mit seinem kleinen schwimmenden Auszug europäischer Zivilisation jeden Monat nach Kajeli, zwanzig Meilen von dort, und auf Ambon [einer benachbarten Insel der Molukken, die 1511 zuerst von den Portugiesen ‘in Besitz genommen’ wurde] ist eine europäische Bevölkerung und Regierung seit mehr als dreihundert Jahren etabliert“ (Wallace, 2015, S. 479 f.).

Schon zu Wallace’ Zeiten gab es also jene Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, wie sie, wenn auch nicht mehr so drastisch ausgeprägt, auch im heutigen Indonesien noch zu beobachten ist.

„Bootscamping“

An der Einmündung eines dunkelbraunen, aber klaren Nebenflüsschens verlassen wir den Sekonyer-River, an dem weiter stromauf eine Goldmine liegt. Dort, in Aspai, graben sich Klein-Mineure mit ihren Maschinen durch die Landschaft, um Gold aus dem Sedimentgestein herauszuschwemmen und den Schlamm in den Sekonyer-River einzuleiten. Manche verfügen über Lizenzen, andere tun’s illegal. Gesundheitsschädigend ist es allemal, und das Areal der Umweltzerstörung dehnt sich immer weiter aus. Die Fotodokumente im Internet jagen dem Betrachter einen Schre­cken ein, und auch uns wird klar, dass im Sekonyer-River nicht nur die Krokodile gefährlich sind, sondern vermutlich auch die Gifte, die aus der Mine flussabwärts geschwemmt werden.

Der schmale Nebenfluss gibt sich wildromantisch. Die Wasserpflanzen und die versumpften Uferwälder rücken immer näher an das Flussbett heran. Manche Passagen sind so verwuchert, dass sie erst wieder freigearbeitet werden müssen, damit sie wieder befahrbar werden. In einer Flussbiegung vor uns steckt ein etwas größeres Boot im Dickicht der Wasserpflanzen fest. Es ist noch so viel Platz, dass unser Kapitän, den Motor auf die bescheidene „volle Kraft voraus“ aufgedreht, ebenfalls Anlauf nehmen und mit seinem kleineren Klotok die Pflanzenbarriere zerteilen kann. Dann lässt er sich wieder zurücktreiben, damit der „Assistent“ ins Wasser springen kann, um mit einem scharfen Messer und einer Handsäge das dicke Wurzelgeflecht weiter zu zerlegen und die so entstandenen Pflanzeninseln in eine Bucht zu ziehen, um sie dort mit langen Seilen am Ufer zu vertäuen. Für eine Weile dürfte der Fluss wieder passierbar sein. Allerdings hat sich nun einiges Wurzelwerk in der Schiffsschraube verheddert, so dass der Kapitän bei nächster Gelegenheit selbst abtauchen muss, um die Schraube wieder freizulegen.

Die Gelegenheit ergibt sich am frühen Abend. Wir legen irgendwo im Nirgendwo an einem Steg an, hinter dem sich wieder irgendeine ökologische Station im Uferwald verbirgt (deren Namen ich vergessen habe). Davor ein eingegrenztes kleines Wasserareal, in dem man offenbar risikolos baden kann. Der Kapitän holt erst einmal einen Berg Wurzeln von der Schiffsschraube und springt dann mit großem Hallo ins „Wasserbecken“, um zu planschen. Wir tun’s ihm gleich und genießen nach der sonnig-verschwitzten Tagesfahrt die wonnigliche Kühle des angeblich sauberen Wassers. Gesteigertes Wohlbefinden, nachdem wir nun schon den zweiten Tag auf dem Fluss schippern, ohne ins verlockende Wasser abtauchen zu können.

Naturnahes Campingfeeling am Abend. Vor uns hat ein anderes Klotok festgemacht, so dass wir in das Bootsleben der Anderen ungewollt einbezogen werden: Ein vermutlich wichtiger Mann – schicke Freizeitkleidung anstelle von Outdoor-Outfit, das leichte Jackett hängt über der Stuhllehne, falls es des nächtens kühler werden sollte – befindet sich auf einer Urlaubsreise mit Frau und Tochter, die etwas „wilder“ aussehen. Während sich die beiden zu einem Nacht-Trekking aufmachen, sitzt er am Tisch, um die sicherlich dringenden E-Mails zu erledigen. Berufliche Verpflichtungen im Urlaub – oder kann er, wenn auch nur vorübergehend, nicht loslassen? Welch ein wohltuender Unterschied zwischen derartigen Urlaubsreisen und einem ungebundenen Reisen, bei dem man ganz und gar im Hier und Jetzt sich aufhalten kann. Wie wir, die wir uns der Nacht auf dem Boot entgegenbaumeln lassen: Die Bootsleute sitzen auf dem Steg, in eine murmelnde Unterhaltung vertieft, unsere eigene Unterhaltung tröpfelt so vor sich hin. Im Boot wird’s still, wir werden still und hören auf das letzte weiche Blätterrauschen. Stille überm Fluss. Am Himmel droben ein Sternenfunkeln. Auch der Dschungel scheint zu schlafen.

Camp Leakey

Am Morgen erneut Aufbruchstimmung und Entdeckerfreude. Das Boot hat gewendet und treibt flussabwärts zurück. Wir wollen zum Camp Leakey, dem Zentrum der Schutz-, Aufzucht- und Auswilderungsstationen im Tanjung Puting Nationalpark, der sich mit seinen 4150 km2 über die gesamte Tanjung Puting-Halbinsel erstreckt. Das Leakey-Camp wurde bereits 1971 von Dr. Biruté Galdikas als Orang-Utan-Rehabilitationszentrum gegründet, Namensgeber war der legendäre Palaeoanthropologe Louis Leakey, der auch als Mentor von Jane Goodall und Dian Fossey in Erscheinung trat. Inzwischen ist das Camp nicht nur eine Aufzucht- und Auswilderungs-, sondern auch eine Forschungsstation; Schwerpunkte: Verhaltensforschung mit Affen und Ökologie von Flusssystemen (vgl. im Internet: Camp Leakey).

An der Anlegestelle betreten wir einen Holzsteg, der langgezogen über sumpfiges Gelände gebaut ist. Der zunächst lichte Uferwald verdichtet sich zusehends. Wieder „irren“ wir durch eine Waldwelt, die sich durch ihre Vielfalt und Vielgestaltigkeit dem Erkennen entzieht.

Allein die Kannenpflanzen (Nepenthes) mit ihren langen Kelchen sind nicht zu übersehen. Aber auch sie haben sich in viele Arten evolutionär ausdifferenziert. Allein auf Borneo, wo sie besonders häufig wachsen, gibt es angeblich 34 verschiedene, darunter 25 endemische Arten. Die Nepenthes-Kannen sind passive Fallgruben, der Deckel ist feststehend. Mit Hilfe des Kannenstieles verankern sich die Pflanzen in den Bäumen. Die Verdauungsflüssigkeit der Kanne ist sehr sauer (pH 3) und mit vielen Enzymen angereichert. So kann die Verdauung weichhäutiger Beute schon innerhalb von zwei Tagen abgeschlossen sein. Die meisten Arten bilden unterschiedlich geformte Bodenkannen und Hochkannen an den Langtrieben aus, dies ist eine Anpassung an die kriechende oder fliegende Beute. Zudem sehen die Kannen an jungen Pflanzen völlig anders aus als Kannen an ausgewachsenen Pflanzen. An ihren Naturstandorten entwickeln einige Nepenthes-Arten Kannen mit einer Größe von bis zu 50 cm“ (Wikipedia: Kannenpflanzen). Uns bleibt abermals nur das Staunen.

Das Camp darf nur in Begleitung eines ausgewiesenen einheimischen Führers betreten werden. Um das ansehnliche Informationszentrum, das wie ein kleines Museum ausgestattet ist und eine Fotodokumentation der „betreuten“ Orang-Utan-Familien beherbergt, gruppieren sich mehrere neuere, komfortabel aussehende Holzhäuser, in denen vermutlich die Ranger wohnen und die Wissenschaftler arbeiten. Überall buntes Schweben und Flattern: Auch den Schmetterlingen scheint es auf dem Gelände besonders gut zu gefallen.

Wir setzen unseren Weg in den Regenwald hinein fort und gelangen nach einiger Zeit zur Fütterungsstelle für die Orang-Utans. Für die Besucher stehen holzgezimmerte Bänke bereit, davor und auf der Seite ein „durchlässiger“ Holzzaun. In einigen Metern Entfernung ein ebenfalls aus Holz zusammengezimmertes Podest, auf dem sich reife Bananen türmen und zwei ordentliche Eimer mit Milch gefüllt sind, die ein Ranger hergeschafft hat. Der sitzt mit seinem großen Tragesack auf einer kleineren Holzbalustrade nebenan und wartet auf seine tierischen Freunde. „Oouuu“-Rufe, um sie herbei zu locken. Äste biegen sich in den Baumkronen, Blätter rauschen in der Tiefe des Waldes, und dann hangeln sich immer mehr kleine und große rotbraune Gestalten herunter in Richtung Bananenberge.

Der mächtige Alte mit seinen dicken dunklen Backenwülsten und einem imposanten Kehlsack hinter seinem nicht weniger imposanten Kinnbart bedient sich als Erster, denn eine gewisse Hierarchie muss eingehalten werden. Mehrere Bananen werden aus ihren Schalen herausgedrückt und ins Maul gestopft, ständig wird nachgeladen, bis aus dem Maul eine ballgroße Bananenbrei-Kugel wieder zum Vorschein kommt, von der gelassen Stück für Stück abgebissen werden kann. Erst nachdem auf diese Weise mehrere Bananenbrei-Bälle verschluckt sind, scheint sich so etwas wie Sättigung einzustellen.

Inzwischen sind auch die Mütter mit ihren Kindern eingetroffen, die nun die Bananenberge weiter abbauen, und da die Früchte kiloweise herumliegen, entsteht keine Hektik. Auch die Kleinen, sofern sie nicht mehr gesäugt werden, dürfen sich den einen oder anderen Happen greifen. Drollig menschelnd, wie die Mütter ihre Babys umsorgen, sie mal vom Bauch, wo sie sich im Fell der Mutter festgeklammert haben, auf ihren Nacken oder auf den Rücken platzieren, oder wie sie die schon Älteren auf den Boden setzen, damit sie sich selbst versorgen. Die Jungspunde halten sich nicht lange beim Fressen auf, klettern immer wieder die Stämme hinauf oder schwingen sich durch die Äste, kommen wieder zurück, um sich abermals etwas ins Maul zu stopfen oder den Kopf in einen der Milcheimer zu stecken, die man auch hochheben kann, um Reste auszusaufen und die sich, wenn sie leer sind, als Kopfbedeckung eignen. Man könnte stundenlang zusehen. Selbst der aufpassende Ranger wird ins Kinderspiel einbezogen, als sich ein Kleines brennend für dessen Mütze interessiert, an die es aber nicht heranreicht, weil es zugleich, „zur Sicherheit“, seine Mutter nicht loslassen will.

Orang-Utans: Mutter-Bindungen

Orang-Utans: Mutter-Bindungen

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Die etwa 20 menschlichen Beobachter wollen mit dem Fotografieren nicht mehr aufhören: Die Orang-Utans führen ihnen Spiegelbilder eines friedlichen und sorgenfreien Gemeinschaftslebens vor. Auch die große Wildsau, die plötzlich aus dem Walddickicht auftaucht und den Boden nach Nahrung abschnüffelt, kann die Affen-Idylle nicht stören. Und die vielen bunten Schmetterlinge, die durch den Duft der Bananen angezogen werden, setzen der Idylle noch einen Schuss farbenfrohe Leichtigkeit hinzu.

Etwa 6000 Orang-Utans sollen auf Borneo noch beheimatet sein, ansonsten kommen sie nur noch im Nordwesten der Insel Sumatra vor. „Die Bestände beider Inseln werden heute als zwei getrennte Arten geführt: Borneo-Orang-Utan (Pongo pygmaeus) und Sumatra-Orang-Utan (Pongo abelii).“ „Orang-Utans erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von 1,25 bis 1,5 Metern. Hinsichtlich des Gewichtes herrscht ein deutlicher Geschlechtsdimorphismus: Männchen sind mit 50 bis 90 Kilogramm nahezu doppelt so schwer wie Weibchen, die 30 bis 50 Kilogramm auf die Waage bringen. … Die Sumatra-Orang-Utans sind im Allgemeinen etwas leichter und zierlicher als ihre Verwandten auf Borneo. …

Die Gliedmaßen dieser Tiere zeigen starke Spezialisierungen an eine baumbewohnende Lebensweise. Die Arme sind sehr lang und kräftig und können eine Spannweite von 2,25 Metern erreichen. Die Hände sind hakenförmig und langgestreckt, der Daumen hingegen sehr kurz und nahe an der Handwurzel lokalisiert. Die vergleichsweise kurzen Beine sind sehr beweglich und nach innen einbiegbar, was dem senkrechten Klettern an Baumstämmen dient. Die Großzehe ist analog zum Daumen verkürzt und relativ nah an der Fußwurzel angebracht, die übrigen Zehen sind hingegen verlängert und gebogen. Insgesamt erwecken die Füße dadurch einen handähnlichen Eindruck“ (Wikipedia: Orang-Utans; mit vielen weiterführenden Informationen).

Die Tiere im Camp Leakey scheinen ihre menschlichen Verwandten gut zu kennen und sich an die Besucher gewöhnt zu haben. Vor allem der große Alte zeigt wenig Scheu. Nachdem er sich satt gefressen hat, setzt er sich auf einen Ast über unseren Köpfen, von dem aus er die Beobachter in Ruhe beobachten kann. Dann turnt er zu Boden, um sich die Besucher aus der Nähe zu betrachten, was den Ranger veranlasst, ihn wieder hinter die Einzäunung zu vertreiben, weil unter den Zuschauern nun doch eine gewisse Unruhe entstanden ist. Das Verhalten des Alten scheint jedoch nicht ungewöhnlich zu sein. Es wird erzählt, dass die Orang-Utans gelegentlich sogar an die Anlegestelle kommen, um die Besucher zu „begrüßen“.

Pesalat: Aufforsten beim Einsiedler

Mehr Aufmerksamkeit und Trittsicherheit ist beim Begehen eines anderen Holzsteges an der Pesalat-Station angesagt. Es geht abermals in den Wald hinein, der schon wieder einen ganz passablen Eindruck macht, nachdem das ganze Waldgebiet 1984, bevor es dem Nationalpark eingegliedert wurde, durch Brandrodung zerstört war. Heute bemühen sich NGOs um eine Wiederaufforstung der etwa 50 ha großen Fläche. Wir wollen uns daran beteiligen.

Der Pfad führt uns zu einem Holzhaus in der völlig abgelegenen Waldeinsamkeit. Neben der Holzhütte, in der ein bescheidener Informationsraum eingerichtet ist, steht eine abgewrackte Küchenbank mit Spüle im Freien; ein uraltes, technisch nicht mehr ganz vollständiges Rostfahrrad ist an einem dünnen Stämmchen festgebunden. Wir werden von einem fröhlichen Mann, dessen Alter schwer einzuschätzen ist, geradezu herzlich begrüßt. Freut er sich wohl, dass endlich wieder einmal Besucher kommen – oder kommt er mit dem Alleinsein in der Abgeschiedenheit so gut zurecht, dass das seine frohe Grundstimmung überhaupt nicht beeinträchtigt? Und wohnt er wohl ständig in dieser Abgeschiedenheit, oder kommt er mit dem Rad von woanders her, um nur tagsüber seine Besucher zu erwarten?

Der fröhliche Einsame zeigt uns die zahlreichen Baumsetzlinge, die neben dem Haus aufgereiht stehen, und beschreibt die verschiedenen Baumarten, die in ein langes Leben hineinwachsen wollen. Wir entscheiden uns für zwei Nyatuhs (Palaquium rostratum, indon. Nyathuh Pucung), die, wenn sie denn ein langes Leben haben sollten, bis zu 45 m in die Höhe streben. An ihren Früchten (und Blättern?) werden sich später womöglich auch die Orang-Utans gütlich tun.

Mit den beiden Baumpflänzchen, einem Spaten und einer Wasserflasche wandern wir in Begleitung des Einsiedlers durch dessen blumengeschmückten „Garten“ hinaus auf ein weitläufiges Feld mit niedrigem Buschbestand, auf dem schon viele andere vor uns Miniaturbäumchen eingebuddelt haben. Jedes mit einem handbemalten kleinen Schild versehen, das darüber Auskunft gibt, wer sich aus welchem Land in welchem Jahr forstwirtschaftlich betätigt hat. Wir schließen uns den Pflanzaktivitäten der zahlreichen Vorgänger aus der großen weiten Welt an, graben, setzen ein und gießen, auf dass die beiden Nyatuhs gedeihen mögen – mit dem guten Gefühl, wenigstens einen minimalen Beitrag zum Schutz des Regenwaldes geleistet und dem Einsiedler mit unserem Besuch in jedem Fall eine nette Abwechslung geboten zu haben. Der Abschied fällt so herzlich aus wie die Begrüßung.

Noch mehr Orang-Utans im schrumpfenden Regenwald …

Noch ein Stück weiter stromab liegt die Station Pondok Tanggui, wo wir abermals eine zeitlang bei unserer umsorgten hominiden Verwandtschaft sitzen, bevor wir noch einmal in Tanjung Harapan anhalten, um ein letztes Mal einer Fütterung der Orang-Utans zuzusehen.

Auf dem Weg durch den Wald verharren wir abrupt, als wir ein großes Tier in wenigen Metern Abstand vor uns in einem Baum sitzen sehen, das uns zu beobachten scheint. Aber es ist nicht sein Bedürfnis, die Ankommenden „in Empfang zu nehmen“, als vielmehr die Angst, die es veranlasst, sich von der Gruppe abzusondern und hierher zurückzuziehen. Denn – so spricht sich aufgrund einer Erzählung des Rangers, der sich um das Tier kümmert, herum – es hatte einen Kampf mit einem Männchen, bei dem es auf einem Auge erblindete. Seitdem hält es sich ängstlich von der Gruppe fern, pendelt auf dem Pfad zwischen den menschlichen Besuchern hin und her, wird von den Rangern zwar immer wieder mit Bananen zum Futterplatz der Anderen gelockt, traut sich aber dann dennoch nicht so recht.

Währenddessen haben sich zahlreiche andere Orang-Utans an der Futterstelle versammelt, um sich den Bauch mit Bananen vollzuschlagen, mit den Kleinen zu spielen oder in den Bäumen herumzutollen. Die Bilder des menschelnden Tierverhaltens wiederholen sich. Auf dem Rückweg begegnen wir noch einmal dem verängstigten Weibchen, das nun im Kreis einiger Ranger steht, die vor dem Tier sitzen und immer noch mit Bananen locken. Wann wohl der Hunger die Skepsis überwiegt?

… zwischen wuchernden Palmöl-Plantagen

Selbst der Besucher, der jene Fütterungsszenen nur „im Vorbeigehen“ beobachtet, gewinnt den Eindruck, dass die Orang-Utans im Tanjung Puting Nationalpark mit viel menschlicher Zuneigung behütet und umsorgt werden. Eine schwache Wiedergutmachung an den Tieren, deren Lebensraum hier wie überall auf Borneo durch die Waldrodungen zunehmend eingeschränkt wurde und immer weiter eingeschränkt wird. Die Berichte sind alarmierend:

Eine halbe Million Hektar Ölpalmplantagen gibt es schon in der Provinz Kalimantan, fünfmal so viele sollen es nach dem Willen des Gouverneurs werden. Hauptabnehmer waren bis in die 90er Jahre die Lebensmittel- und Kosmetikindustrien. Seit aber Europa und Amerika Agro-Treibstoffe als Alternative zum Erdöl entdeckt haben, läuft das Geschäft auf Hochtouren. Binnen der letzten zehn Jahren hat sich der weltweite Palmölverbrauch auf über 30 Millionen Tonnen im Jahr mehr als verdoppelt. …

Die Nachfrage ist zuletzt geradezu explodiert, vor allem China versucht, sich neue Ressorcenquellen zu erschließen. Auch Europa ist wie ein gieriger Ölschlund: Die EU- Kommission hat beschlossen, bis 2020 den Anteil von Agrodiesel im Dieseltreibstoff auf 10 Prozent zu erhöhen. Europa hat aber nicht genug Ackerflächen, um ausreichend Raps anzubauen. Deshalb wird überall in Indonesien Regenwald gerodet, um statt dessen die ursprünglich aus Afrika stammende Ölpalmen zu pflanzen. … 

Indonesiens Pläne sind tatsächlich gigantisch: 5,4 Millionen Hektar waren 2004 im Inselreich mit Ölpalmen bepflanzt. Laut Regierungsbeschluss sollen in diesem Jahr 8,4 Millionen Hektar erreicht werden – der größte Teil des Zuwachses soll in Kalimantan erreicht werden. Auf Satellitenaufnahmen sieht die Landschaft schon jetzt aus wie ein Flickenteppich – kleine Waldstücke stehen wie einsame Inseln in teils riesigen Öden. Für mindestens 20 Millionen Hektar Ölpalmplantagen soll es in Indonesien Verträge geben – eine Fläche fünfmal so groß wie die Schweiz.

Der UN-Klimarat IPCC hat ermittelt, das 20 Prozent des Kohlendioxids weltweit durch die Entwaldung verursacht werden. Damit ist das Abbrennen oder Roden der Wälder die zweitgrößte Emissionsquelle auf der Welt – nach der Energiewirtschaft.“ … „Die Europäer wollen umweltfreundlicher werden, aber viele machen sich nicht klar, dass damit die Natur in Indonesien zerstört wird“, so der indonesische WWF-Experte Iwan Wibisono. Der Regenwald in Indonesien ist vom Aussterben bedroht und mit ihm die Tiere, die in ihm leben (vgl. im Internet ganz aktuell: www.klimaretter.info/Energie).

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Brandrodungen (www. Rettet den Regenwald)

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Palmöl-Plantage (www.Rettet den Regenwald)

Und wir wollten mit zwei Baumsetzlingen gegen diese grandiose Umweltzerstörung anpflanzen! Erst jetzt wird uns die ganze Absurdität dieses Unternehmens so richtig bewusst. Augenwischerei für die Touristen, damit sie mit einem guten Gefühl und einem beruhigten ökologischen Gewissen weiterreisen können.

Überhaupt scheint der Umweltschutz in Indonesien auf den hinteren Rängen der politischen Agenda zu rangieren, wenn man bei Pisani (2015, S. 349) liest:

„In Indonesien gibt es zweiundfünfzig nationale Gesetze, Verträger und Dekrete zum Umweltschutz. Viele widersprechen einander, und um alles noch schwieriger zu machen, benutzen die beiden Regierungsbehörden, die für den Schutz der Bäume zuständig sind, das Umweltministerium und das Forstministerium, verschiedene Karten. 2010 initiierte der Präsident ein Projekt, um eine einzige, verbindliche Landnutzungskarte Indonesiens zu erstellen, aber die Arbeiten liefen sich fest. … Auf einer der beiden existierenden Karten gibt es vierzig Millionen Hektar Primärwald, den es auf der anderen nicht gibt. Mit anderen Worten ging zwischen den Regierungsbehören ein Gebiet ursprünglichen Regenwalds ‘verloren’, das größer ist als Japan. Und dabei geht es nur um das Zentrum. Distrikt-Karten, genau wie die Gesetze zur Landnutzung auf Distriktebene, weichen ebenfalls voneinander ab.“

Die letzte Nacht – unter einem leuchtenden Baum

Unser Klotok tuckert zurück Richtung Pangkalan Bun. Laut Flugplan hebt der Flieger, der uns wieder nach Jakarta bringen soll, am frühen Morgen des nächsten Tages ab. Wir wollen unsere letzte Nacht noch einmal auf dem Boot in der Wildnis genießen. Also demonstriert der Kapitän abermals seine Kunst des Manövrierens und macht, der Fluss versinkt bereits in der Dunkelheit, irgendwo vor der Einmündung des Sekonyer- in den Kumai-River am Ufer fest. Auf Deck lassen wir die Erlebnisse im Gespräch noch einmal Revue passieren. War diese Bootstour bereits das Highlight der gesamten Reise, obwohl noch mehr als drei Wochen vor uns liegen? Das Abschiednehmen fällt schwer, wird nur gedämpft durch die Neugier auf das Unvorhersehbare, das uns noch erwartet.

Und der Uferwald verabschiedet sich seinerseits mit einer letzten Überraschung: In der Dunkelheit blüht der Baum, an dem das Klotok vertaut ist, geradezu surreal auf, indem er von Hunderten oder gar Tausenden kleinen, blinkenden Leuchtkäfern (Lampyridae) umflogen wird, die sich dort zu einer nächtlichen Party versammelt haben. Ich weiß nicht, ob es die männlichen oder die weiblichen Tiere sind, die hier so heftig blinken – beides kommt vor –, weil die Art bzw. die Arten nicht zu bestimmen sind, die dieses nächtliche Lichtspektakel vorführen. Es ist auch nicht zu erkennen, ob unter ihnen jene sind, die ihre Blinksignale – wie etwa die Pteroptyx gelasina und Pteroptyx similis – untereinander synchronisieren, damit die Partner derselben Art nächtens zusammenfinden (vgl. Wikipedia: Leuchtkäfer).

Eine ähnliche Erscheinung hatte schon Francis Drake (um 1540-1596), „den Lieblingsabenteurer von Königin Elizabeth I., tief beeindruckt: ‚Unter diesen Bäumen zeigt sich nächtens ein unendlicher Schwarm feurig leuchtender Würmer, in der Luft fliegend, deren Körper (nicht größer als die einer gewöhnlichen Fliege) einen Schein ausstrahlten und solch ein Licht gaben, als wäre jeder Zweig jedes Baumes eine brennende Kerze, oder als wäre der Ort eine Sternensphäre’“ (Pisani, 2015, S. 234 f.).

Die kleinen Käfer blinken uns noch zu, als wir schon unter den Moskitonetzen liegen. Denn, so ist der Plan, um 4.30 Uhr ist Aufstehen mit kurzem Frühstück angesagt, um 5.30 Uhr soll abgelegt werden, um rechtzeitig in Kumai anzulanden und in Pangkalan Bun den Flughafen zu erreichen. Aber wir haben gehört, in Indonesien gelte die „Gummizeit“.

Java: Von West nach Ost

Freitag, 10. Februar 2017: Von Jakarta nach Bandung

„Gummizeit“

Um 5 Uhr träumt die Bootsmannschaft vermutlich noch von der Fahrt mit ihren liebenswerten Gästen. Diese sind die Ersten, die sich mit einer morgendlichen Katzenwäsche begnügen. Dann geht alles ganz schnell: mit dem Frühstücken und dem Ablegen und der Weiterfahrt, so dass wir mit nur einstündiger Verspätung in Kumai bzw., nach kurzer Verabschiedung von der Bootsmannschaft, am Flughafen in Pangkalan Bun mit dem Taxi ankommen.

Am Flughafen erwartet uns eine lange Menschenschlange vor dem Abfertigungsschalter. Wir reihen uns geduldig – es bleibt nichts anderes übrig – hinter den bereits Wartenden ein, obwohl die Abflugzeit 7.35 Uhr näher rückt. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir die Wartehalle, wo wir auf der Anzeigetafel jedoch vergeblich nach eine Boarding-Ankündigung für den gebuchten Flug suchen. Eine ganze Weile tut sich gar nichts. Dann endlich landen und starten einige Maschinen anderer Fluggesellschaften, für die spätere Abflugzeiten notiert sind. Erst nach stundenlangem Warten rollt auch unser Flieger ein, der uns wieder zurück nach Jakarta bringt. Irgendwelche technischen Probleme sollen die Verspätung verursacht haben.

Nach einigem Suchen und noch ungeübten Preisvergleichen finden wir ein Taxi, das groß genug ist, vier Personen mit Gepäck nach Bandung zu transportieren, wo wir mit Yati und Ulli, unseren Bekannten, verabredet sind. Es wird eine lange Fahrt mit den üblichen Staus auf Jakartas Ausfallstraßen und weiter über breit ausgebaute Schnellstraßen, auf denen dichter Autoverkehr bis in die Nacht hinein rollt.

Die Drei-Millionen-Stadt Bandung

Bandung erreichen wir am späten Nachmittag, und bis sich das Taxi durch die Staus der Drei-Millionen-Stadt bis zum im Voraus gebuchten Hotel „Kartika“ durchgequält hat, ist es bereits dunkel. Denn der Verkehr ist millionenstädtisch dicht fließend oder gänzlich verstopft und dämpft die Lust, sich in der Stadt eingehender umzusehen. Aber wahrscheinlich vertut man sich als Durchreisender.

Als Provinzhauptstadt von Westjava (Java Barat) hat Bandung, wenn man den Beschreibungen Glauben schenkt (z. B. Wikipedia: Bandung), Einiges zu bieten: „Die Hauptstadt West-Javas ist das kulturelle Zentrum der Sundanesen und liegt auf einer Hochebene 700 m ü.d M. in der Parahayangan-Bergen. Die holländische Kolonialregierung legte hier Mitte des 19. Jhs. weite Tee- und Kaffeeplantagen an. Später war die Stadt mit ihrem kühlen Klima und der europäisch anmutenden Art-déco-Architektur als ‘Paris von Java’ bekannt“ (Jacobi et. al., 2015, S. 184). Sehenswerte Architektur, interessante Museen, Universitäten, Moscheen, Märkte, Konsumtempel (wo man angeblich extrem preisgünstig Klamotten kaufen kann), tolle Ausflugsziele in der Umgebung.

Allerdings scheint Bandung vornehmlich eine Destination der einheimischen Touristen zu sein. Auch unser einfaches Hotel, das an einer der vielbefahrenen Straßen liegt, ist fast ausschließlich von Einheimischen belegt, und das „Steakhouse“ auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird nur von Gästen aus der städtischen Umgebung besucht, die wahrscheinlich wissen, dass die verlockende Leuchtreklame nicht immer hält, was sie verspricht: Im muslimischen Bandung gibt’s verständlicherweise kein Bier, obwohl ein kühles Pils die Krönung unseres langwierigen Flug- und Taxi-Transfers gewesen wäre. Leider sind aber auch Cola, Fanta und Sprite ausverkauft, so dass sich die Getränkeauswahl auf Wasser beschränkt. Und was für die Getränke gilt, wiederholt sich beim Blick in die Speisekarte, denn die Hälfte der Steak-Varianten ist nicht mehr verfügbar.

Samstag, 11. Februar 2017: Von Bandung nach Pangandaran

Hochzeiten und Hochzeiter

Das „Kartika“-Hotel ist weder sprachlich noch frühstücksmäßig auf ausländische Gäste eingestellt, und die indonesischen Frühstücksgewohnheiten (Reis mit allerlei Saucen oder nasi goreng bereits frühmorgens) muss man mögen.

Unsere Bekannten, Yati und Ulli, sind zu einer Hochzeit eingeladen, zu der sie uns mitnehmen. In der neueren, eher kunstlosen „Otilia-Kirche“ dürfen wir eine christlich-katholische Hochzeitsfeier miterleben, ungewohnt selbst für jene ausländischen Gäste, die schon an der eigenen und einigen anderen Hochzeiten teilgenommen haben.

Da die Kirche irgendwo mitten in der Stadt und mitten im städtischen Einkaufsbetrieb liegt, werden die Parkplätze im Nu knapp, und die selbsternannten Parkwächter sehen sich veranlasst, die Autos der ankommenden Hochzeiter auf engstem Raum lautstark einzuweisen. Währenddessen versammeln sich die ersten Gäste vor dem Eingang des Kirchenportals. Der Bräutigam unterhält sich mit seinen Eltern und der Verwandtschaft; erst später sehen wir die Braut im Kreise ihrer Angehörigen; die Freunde und Bekannten trudeln nach und nach ein. Die Kleiderordnung ganz ungezwungen. Die Braut in edlem Weiß mit einer dramatisch wallenden Schärpe in Dunkelrot, der Bräutigam im schwarzen Anzug, die nächsten Angehörigen ebenfalls in hochfestlicher Kleidung. Dagegen geben sich die übrigen Gäste eher salopp und, den Temperaturen angemessen, leicht gekleidet, so dass wir in unseren Outdoor-Outfits nicht gar zu sehr aus dem festlichen Bild herausfallen.

Nach dem unspektakulären Einzug des Brautpaars mit Anhang füllt sich der große Kirchensaal nur spärlich. Die Christen sind im muslimischen Bandung eine kleine Minderheit und möglicherweise sind nur die christlichen Verwandten und Freunde anwesend. Das lässt sich allerdings nicht so eindeutig ausmachen, denn es scheint eine tiefsitzende religiöse Toleranz zu geben: Die protes­tantische Braut, die schon einmal verheiratet war und einen vierjährigen Sohn an ihrer Seite hat, ist angeblich erst vor kurzem zum katholischen Glauben gewechselt, weil ihr zukünftiger Ehemann katholisch ist; eine Freundin der Braut ist Muslima und verfolgt den katholischen Ritus dennoch mit offensichtlicher innerer Anteilnahme.

Die gesamte kirchliche Hochzeitsgesellschaft wird denn auch bald in das Geschehen hineingezogen. Ein kleiner Chor in Begleitung eines Harmoniums und angetrieben durch einen engagiert gestikulierenden Chorleiter eröffnet die Feier mit einem – für uns – fremdartig klingenden Kirchenlied. (Gesungen wird übrigens nach einem Liederbuch, in dem keine Noten auf Notenlinien, sondern Zahlen verzeichnet sind, die für die Tonleiter stehen.) Der Priester scheint eine nicht weniger engagierte Predigt zu halten – es fehlt ein Übersetzer –, die sich in die Länge zieht, bis letztlich alles das gesagt ist, was dem Brautpaar mit auf den Weg gegeben werden muss. Gemeinsames Singen, gemeinsames Gebet, die Ja-Worte des Brautpaars, die kirchliche Segnung durch den Priester – immer wieder durchbrochen vom Hupen und von den lauten Rufen der Parkanweiser draußen, die durch die offenen Kirchentüren dissonant eindringen. Das Brautpaar geht zu den Eltern und Schwiegereltern, um sich auch deren Segen geben zu lassen, und schließlich muss es noch vor dem Marienaltar niederknien, wo es mit zwei brennenden Kerzen abermals um Segen bittet. Da die ganze Zeremonie einigermaßen diffizil abläuft, die Hochzeitsgäste zeremoniell aber offenbar wenig geübt sind – weil sie selten zur Kirche gehen? –, und weil auch das Brautpaar selbst nicht immer so genau zu wissen scheint, welcher rituelle Schritt als nächster folgt, wirkt eine kundige Kirchenfrau als „Zeremonienmeisterin“.

Schon während des feierlichen Teils wuseln zwei Profi-Fotografen, um den Ablauf in allen Details und das Brautpaar in jeder Aktion abzulichten. Und das Ganze endet schließlich in einer rauschenden Fotosession, bei der sich alle in allen möglichen verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Konstellationen zusammen mit dem Brautpaar ablichten lassen wollen. Selbst wir dürfen uns, zusammen mit Yati und Ulli, für eine „internationale“ Fotodokumentation aufstellen. Das „grashalmfeine Lächeln“ (Fruttero & Lucentini) der Braut gerät auch dabei – wie schon während der ganzen Zeremonie – nicht zu einem offenen, glücklichen Lachen. Verbietet das die Sitte?

Das Ende der Hochzeit gestaltet sich so abrupt wie der Beginn: Man tritt hinaus in den hitzigen Samstagstrubel, verabredet Fahrgemeinschaften und sucht zügig nach seinem zugeparkten Auto, um möglichst schnell und reibungslos zum nächsten Festort zu gelangen.

Ein großes Restaurant mit einem hallenartigen Raum, eine Mischung aus Bahnhofshalle und Kinosaal, in dem Stuhlreihen ohne Tische hintereinander aufgestellt sind, auf denen 200 oder noch mehr Gäste Platz finden. Ein ausladendes indonesisches Büffet, die im Raum verteilten Büffettische schwer beladen mit bauchigen Suppentöpfen und warmhaltenden Küchengerätschaften, aus denen Verschiedenartiges wohlriechend dampft. Eine Aufwartung, die wohl auch dem sozialen Status der Gastgeber zur Ehre gereichen soll. Denn zu dieser Hochzeitsparty sind nun offenbar alle Freunde und Bekannten des Brautpaars eingeladen, Kinder und Alte, aus nah und fern, gleichgültig welcher Glaubensrichtung. Es wird gegessen und – Wasser – getrunken, und die nicht abreißenden Gästeschlangen scheinen anzuzeigen, dass man diese Ehre zu schätzen weiß. Ständig müssen Berge von Geschirr und Plastikbechern weggeschafft werden. Es wird geplauscht und fotografiert, alte Bekannte treffen sich nach langer oder kurzer Zeit wieder, Yati kennt manche schon seit der Schulzeit.

Nach der großzügigen Bewirtung der Gäste und nachdem die Braut nach einer neuerlichen Schminkprozedur wieder unter der Gästeschar erscheint, werden dem Brautpaar – „grashalmfeines Lächeln“ – von einzelnen Gruppen Geschenke dargereicht. Dem Außenstehenden offenbart sich allerdings die Prozedur des Schenkens nur ganz unzureichend, denn von den vielen Anwesenden sind es nur wenige, die nun mit Geschenken zum Brautpaar vortreten, so dass er über der Frage grübelt, wer auf dieser Hochzeit wen beschenkt. Sind es die Hochzeiter und deren Familien, die mit dem Fest ihre Gäste beschenken, oder waren die Gäste schon im Vorhinein und im Verborgenen schenkend tätig, oder werden sie erst im Nachhinein schenken, nachdem sie auf dem Fest die Standards des Schenkens erst einmal erkundet haben? Und wenn etwas geschenkt wird, welcher Art sind dann solche Geschenke? Oder sind das alles nur unerhebliche Fragen der Gäste aus der fernen westlichen Welt, die nur aus eigener Erfahrung grübeln?

Wie dem auch sei, nach zwei oder drei Stunden löst sich die Festgesellschaft auf. Jeder bekommt noch ein gläsernes Windlicht als Erinnerungsgabe. Im einsetzenden Nieselregen sucht man grüppchenweise nach dem eigenen Auto, das erst wieder mit Hilfe der lautstarken Einweiser aus engen Parklücken herausmanövriert werden muss. Zahlreiche japanische SUVs fahren von dannen. Also doch eine Hochzeit der gehobenen Klasse?

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Christliche und muslimische Hochzeiten

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In dem parkähnlichen Garten hinter dem Restaurant, sozusagen ein Stockwerk tiefer, findet eine weitere, eine muslimische Hochzeit ihren Ausklang. Der Parkgarten ist mit bis in die Verästelungen hinein entlaubten, stattdessen weißgestrichenen (Kunst-)Bäumchen geschmückt, ein Bach plätschert. Die rustikalen Holzhütten stehen jetzt verlassen, nachdem auch dort die vermutlich umfangreichen Büffets bereits wieder abgetragen wurden. Vom Festessen sind nur noch die Plastikteller übrig, die am Boden verstreut herumliegen.

Ein harter Kern von Hochzeitsgästen tanzt unentwegt auf einem kleinen Podium zu den aktuellen Rhythmen einer Live-Band. Von den tanzenden jüngeren Männern wird jeder, der vorbeikommt, gestenreich zum Mittanzen aufgefordert. Ausladende Arm- und Hüftschwünge laden zum Mitmachen ein, und unsere beiden „Girls“ swingen ebenfalls mit, so dass die beträchtlichen Altersunterschiede im Tanzrhythmus kaum mehr zu erkennen sind. Da spielt sich eine ausgesprochen fröhliche Hochzeitsalternative ab.

Derweil harrt das glanzvoll dekorierte junge Brautpaar standhaft aus und posiert aufs Wohlgefälligste auch noch für die Nachzügler. Die strahlende junge Braut wurde zu einem geradezu märchenhaften Bild aus Tausend-und-einer-Nacht drapiert, kaum mehr zu erkennen im Vergleich zu der Fotografie, die sie in der Alltagskleidung zeigt. Dagegen fällt das modische Design des Bräutigams deutlich zurück, denn mit ihm hat man sich ganz offensichtlich weit weniger Mühe gegeben. Was seinem Glück aber sichtlich keinen Abbruch tut, verständlich mit dieser märchenschönen Braut an seiner Seite.

„Zur Verkehrslage“

Da unser Tagespensum für heute noch längst nicht bewältigt ist, steigen wir zu Yati in den Wagen, die sich mit dreien von uns auf den Weg nach Pandangaran macht; aus Platzgründen nehmen Ulrich und Wilfried den Bus. Es ist kurz vor drei Uhr. Yati fährt unverwüstlich, fast sieben Stunden lang mit einer kurzen Unterbrechung, etwa 200 km über die zweispurige Landstraße bei dichtem (Gegen-)Verkehr, der während der gesamten Strecke Aufmerksamkeit verlangt.

Es ist nicht vorrangig das Linksfahren, es sind vielmehr die Eigenheiten des javanischen bzw. indonesischen Verkehrs, der für die westeuropäischen Beifahrer gewöhnungsbedürftig ist. Die unzähligen Motorräder und Motorroller verstopfen die Straßen vor allem in der Umgebung von Ortschaften und Städten. Nicht wenige sind bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit „voll besetzt“ – mit drei oder gar vierköpfigen Familien, die auch noch mehrere Einkaufstüten zwischen sich verstaut haben; oder sie sind mit sperrigem „Gepäck“ beladen, das weit ausladend links und rechts über das Gefährt hinausragt. Sie suchen jede Lücke zum Durchkommen und manche Lücken sind ausgesprochen schmal, dennoch gibt es keine Schrammen. Die großen Busse scheinen ihre Fahrpläne sehr Ernst zu nehmen und preschen vor; den Minibussen fehlen dazu die Motorkraft und vermutlich auch ein genauer Fahrplan, weshalb sie sich in den Schlangen mittreiben lassen.

Viele Fahrzeuge, PKW ebenso wie Trucks, fahren als bunt belichtete Vehikel durch die Gegend; an allen Fahrzeugteilen leuchtet und blinkt es blau, grün, rot oder in anderen Farben, vorne ebenso wie hinten. Ob das alles wohl mit der indonesischen Verkehrsordnung vereinbar ist?.

Wichtige Personen lassen sich offenbar gerne eskortieren, wobei der vorausfahrende Wagen mit Blaulicht „Vorfahrt!“ signalisiert; und auf der Strecke zwischen Bandung und Pandangaran scheinen einige wichtige Personen in Eile unterwegs zu sein. Aber auch die „normalen“ Verkehrsteilnehmer setzen an unübersichtlichen Stellen nicht selten zu Überholmanövern an, die höchst brenzlig und unfallträchtig aussehen; was sie aber nicht sind, weil sich jeder darauf verlassen kann, dass die Anderen rücksichtsvoll abbremsen, um eine Lücke zum Wieder-Einscheren zu öffnen. Überhaupt scheinen die Javaner über ein besonders ausgeprägtes Raumgefühl zu verfügen hinsichtlich der Abmessungen ihres eigenen Wagens und der noch „befahrbaren“ Verkehrslücken. Außerdem rollt der Verkehr auf Java auch auf den Landstraßen zwar oft dicht, aber in einem – im Vergleich zu Deutschland – sehr gemäßigten Tempo. Vorausschauende Rücksichtnahme anstelle von aggressiver Drängelei.

Yatis Beifahrern bleibt Zeit, sich dem Draußen zu widmen. Wir fahren in eine grüne Berg-und-Tal-Landschaft hinein, in der sich die Berge immer weiter in die Höhe schieben. Die Karten bilden diese Landschaft nur unzureichend ab. Die Straße windet sich dreimal serpentinenartig über Höhenzüge. In der Ferne stehen Kegelberge, die nach Vulkankegeln aussehen, wobei die Höhenangaben die 1700-m-Marke übersteigen. Man sehnt sich in diese Landschaft hinein, aber Pandangaran ist noch fern, und allmählich beginnt es zu dunkeln.

Es ist 22 Uhr, als wir dort ankommen. Die beiden „Busfahrer“ treffen erst eineinhalb Stunden später ein, in Anoraks eingehüllt und mit Hüten auf dem Kopf, während wir anderen in Shorts und T-Shirts die nächtliche Wärme genießen. Die Air-Condition in dem Großraumbus lief auf Hochtouren, das Kondenswasser der Klimaanlage tropfte aus den Düsen und von der Decke. Körperdurchdringende Kälte, die Leute eingemümmelt und bemützt, um sich in dem als Kühlbox getarnten Bus vor Unterkühlung zu schützen. Die glaubhaften Erzählungen der beiden Spätankömmlinge sind schwerlich nachzuvollziehen für die, die sich schon seit einiger Zeit in der nächtlichen Wärme entspannen.

Dienstag, 14. Februar 2017: Pangandaran und Umgebung

Gastfreundschaft

Yati hat ein schönes, ruhig gelegenes Hotel („Pondok Indah Beach“) für uns ausgesucht, angeblich das Investitionsobjekt eines Zahnarztes. Der Mann hat Geschmack. Die zweistöckige Hotelanlage fasst einen einladenden Swimmingpool ein, der seinerseits von Palmen gerahmt wird. Low Season: Wir sind die einzigen Hotelgäste. Da wir Parterre wohnen, können wir die reichlichen Erholungspausen nutzen, um unter der schmalen Balustrade vor unseren Zimmern zu relaxen, in Reiseführern oder Romanen zu schmökern oder im Pool Bahnen zu ziehen. Und abends dürfen wir uns sogar ein kühles Pils gönnen. Der immer strahlende Hotelboy, der derzeit als einziger des Hotelpersonals die Stellung hält, macht sich allabendlich eigens für uns auf den Weg, um es vom nahegelegenen Supermarkt oder sonst woher zu beschaffen. Der Hotelboy gewinnt unser Herz, „Bintang Pilsener“ unser Wohlgefallen (4.8 Prozent Alkohol, von „Heineken“ nur mit Gerste und Hopfen gebraut).

Erholsame Tage auch deshalb, weil uns Yati und Ulli ihre geradezu grenzenlose Gastfreundschaft angedeihen lassen. Drei Tage lang zeigen sie uns ihre erste (Yati) bzw. zweite Heimat (Ulli).

Pangandaran bei Tag und in der Nacht

Pangandaran selbst gibt sich als Fischer- und Ferienort an der Südküste von Java, etwa auf halbem Weg zwischen Bandung und Yokyakarta. Auf einer schmalen Landzunge (Pananjung) gelegen, die den Ort mit einem Naturreservat verbindet. Das Städtchen scheint ein beliebtes Ausflugsziel vornehmlich der Javaner aus der näheren und weiteren Umgebung zu sein, ausländische Touristen sehen wir jetzt, während der Low Season, kaum.

Im Ortskern laden wuchtige Hotels mit gepflegten Park- bzw. Gartenanlagen vor den Ein- und Auffahrten zum Übernachten ein, mit freiem Blick aufs Meer aus den höheren Stockwerken. Auf der anderen Straßenseite ziehen sich lokale Marktstände und Bars am Strand entlang, eher weniger attraktive Holzbuden an einem eher weniger attraktiven Strand. Dort liegen zwischen ansehnlichem Unrat zahlreiche bunte Fischer- und Ausflugsboote mit ihren auskragenden Auslegern an Land – Low Season! Ob die wohl in der Hochsaison alle im Einsatz sind, um die Ausflügler und Urlauber zu irgendwelchen interessanten Spots hinaus aufs Meer zu bringen? Die Bootsnamen zumindest sind vielversprechend: „Dolphin“, „Sea Star“ etc.. Bei einem Strandspaziergang werden wir, als weißhäutige Touristen leicht auszumachen, wiederholt mit der Standardfrage in ein Gespräch verwickelt: „Where do you come from?“ Um dann schnell zum Punkt zu kommen. „Wollen Sie einen Bootsausflug machen?“ „Eine Massage gefällig?“

Nach Einbruch der Dunkelheit erwacht der Ort zu neuem Leben. Vor den Marktbuden warten mit knallbunten Lichterketten geschmückte VW-Käfer auf trittstarke Fahrer, denn es handelt sich um nicht-motorisierte Käfer-Attrappen, die stattdessen über Fahrradpedale vorwärts bewegt werden müssen. Andere Licht-Gefährte geben sich gleich als „Fahrräder“ zu erkennen, Vier-Personen-Kutschen mit Baldachin, mit denen man sich ausgelassen selbst durch die Straßen treiben kann.

Aber auch die Fußgänger kommen völlig überraschend auf ihre Kosten, wenn sie einem Reh, nein, einer jungen Hirschkuh begegnen, die, ungerührt vom Treiben um sie herum, einen Müllsack vor den Marktbuden nach Fressbarem durchstöbert. Dass die Spaziergänger keiner optischen Täuschung aufgesessen sind, wird spätestens dann klar, wenn sie bei einem Gang durch die Querstraßen gleich von einem ganzen Rudel Rotwild begleitet werden. Das hat sich vom nahegelegenen Naturreservat aus ebenfalls zu einem gelassenen Nachtbummel durchs Städtchen aufgemacht. Und auf dem Höhepunkt der tierisch-menschlichen Begegnungen stockt der Schritt: Auf einem Gehweg ist ein ansehnlicher Hirsch mit seinen beiden Damen unterwegs, der sich nach einiger Zeit, des Wanderns oder seines schweren Geweihs müde, auf dem Gehweg niedersinken lässt, um eine Pause einzulegen, während sich seine beiden Begleiterinnen weiterhin einen Gartenzaun entlang pflücken.

Der Hirsch lässt sich selbst dann nicht aus der Ruhe bringen, als zwei jener bunt beleuchteten Tretmaschinen lärmend um die Ecke biegen.

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Nächtliches Pandangaran

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Das Haus von Yati und Ulli liegt am Ortsrand von Pangandaran. Es wird von einer hohen „Sicherheitsmauer“ eingefasst. Nebenan steht die bauhaus-moderne Villa eines reichen Nachbarn chinesischer Abstammung, der aber woanders wohnt, zudem noch ein Hotel im Ortskern besitzt und die Villa angeblich nur als „Gästehaus“ nutzt. Ein Wiesengelände auf der anderen Seite, das organisierten Gruppen hin und wieder als Zeltplatz dient. Das dreistöckige Haus unserer beiden „Gastfreunde“ befindet sich noch im Endausbau, der mit viel wohlüberlegter Eigenarbeit vorangetrieben wird. Die aufwändige Be- und Entwässerungsanlage ist bereits installiert, ein Teil der Innenräume und der Treppen müssen noch gefliest werden, die Bepflanzung des Gartens ist noch nicht abgeschlossen, und auch die Innenflächen der Ummauerung sollen noch weiter mit Pflanzen behängt werden. Großzügige Fensterfronten geben den Blick nach draußen frei. Vom obersten Stockwerk aus bietet sich eine herrliche Aussicht auf einen abgelegenen Küstenabschnitt, wo weiße Wellenberge am Strand ausrollen. Davor ein breiter Wiesenstreifen, der gelegentlich von einer Flugschule als Übungsgelände für interessante Start- und Landemanöver genutzt wird. Eine Familie aus dem Ort sorgt sich um das Haus, wenn die beiden für eine Zeit lang wieder nach Deutschland zurückkehren.

Bodyrafting im Green Canyon

Yati entführt uns in den Green Canyon. Etwa 30 km westlich von Pangadaran hat sich der Cijulang River in eine Schlucht hineingegraben, die an ihrem Auslauf zu einer Touristenattraktion umgemodelt wurde. Das großzügig angelegte Parkplatz-Rondell ist von den üblichen Souvenir- und Imbissbuden umstellt. Drunten am Fluss liegen schmale Auslegerboote bereit. Zweimann-Besatzungen – der eine ist für den Motor zuständig, der andere hält das Boot mit einer langen Stange vom Ufer ab – schippern die Besucher im Zweier- oder Viererpack flussaufwärts in die Schlucht hinein. Bis zu einem kleinen Wasserfall, wo man auch baden kann, sofern das Wetter mitmacht; dann kann es allerdings, so ist zu lesen, vor allem an Wochenenden und Feiertagen durch den dichten Bootsverkehr zu Staus kommen (Jacobi et al., 2015, S. 203), die nicht nur das Baden beeinträchtigen dürften, sondern auch die Sicht auf die eindrucksvolle Natur.

Denn der Green Canyon trägt seinen Namen zu Recht. Der grüne Dschungel reicht zunächst bis hinunter ans Flussufer. Je weiter das Boot in die Schlucht hineintreibt, desto steiler werden die grünen Hänge, bis der Horizont schließlich durch den dschungelartigen Wald begrenzt wird. Desto höher werden auch die Felswände, die der Fluss auf beiden Seiten freigelegt hat. Unter einem riesigen, höhlenartigen Felsentor muss die Bootstour enden, weil dort mächtige Felsbrocken heruntergebrochen sind, über die sich nun der Fluss kaskadenartig hinabstürzt. Das Boot liegt unter einem Felsvorsprung. Da es in der Nacht geregnet hat, quillt auch überall aus den Uferhängen Wasser. Es fällt aus Regenrinnen, feine Wasservorhänge verschleiern die Felsen, es tropft aus allen Steinritzen. Das Wasser hat die Felswände mit Sinterbänken in merkwürdigen Formationen überzogen, selbst an der Decke des Felsentors haben sich Sinterzacken gebildet.

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Bodyrafting im Green Canyon

Abenteuerlustige können sich an Land noch ein gutes Stück weiter flussaufwärts bringen lassen, um sich dann als „Bodyrafter“ wieder stromab treiben zu lassen. Bodyrafting ist wohl eine leichtere Art von Canyoning, bei dem kitzlige Flussbarrieren nur selten zu bewältigen sind. Die Felsentor-Kaskade wird allerdings zur Herausforderung, zumal bei dem aktuell höheren Wasserstand und der beträchtlichen Fließgeschwindigkeit. Vom Boot aus beobachten wir eine Gruppe von Jugendlichen, die sich behelmt, in Neoprenanzügen und mit Schwimmwesten auf das Abenteuer eingelassen haben, manche beim Einstieg vermutlich nicht ahnend, was alles noch auf sie zukommen würde. Unterm Felsentor wurden von den bodyrafting-erfahrenen Helfern Seile gespannt, an denen sie sich, von der starken Strömung angeschwemmt, festklammern können, um dann von den Guides vorsichtig auf einen der im Wasser liegenden Felsbrocken gelotst zu werden. Dort sitzen schließlich etwa 15 dünne, aber auch dickliche Jungen, die einen immer noch aufgedreht, die anderen ziemlich schlapp und offensichtlich froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Alle miteinander warten sie nun auf die Boote, die sie abholen und zurück zum Ausgangspunkt bringen werden.

Starkregen in der Regenzeit

Vom Green Canyon ist es ein Katzensprung zur Küste. Kräftige Regenschauer verwandeln die Land- in Wasserstraßen. Irgendwo an der Gezeitenlagune Karang Tirta legen wir bei Madasari eine Kaffeepause ein. Mit Blick auf die im Meer liegenden Felsengebilde, die jetzt im schwarzen Sand fast trocken liegen. Weiter draußen rollt eine gewaltig aufgepeitschte Brandung mit weißen Wellenbergen gegen Felseninseln, an denen sich Wasserwände hochgischtend brechen. Während wir unter dem löcherigen Dach einer Holzhütte sitzen und heißen Nescafé schlürfen, toben in der Ferne die Naturgewalten. Ein Surfparadies, das gerade wild aufgeschäumt wird.

Durch den Regen fahren wir zurück Richtung Pangadaran. In einigen Ortschaften herrscht „Land unter“, weil das viele Wasser nicht abfließt und sich die ausladenden Wasserlachen bis in die Ladenhütten am Straßenrand und in die Nebenwege hinein ausdehnen. Die Leute nehmen’s gelassen. Sie waten barfuß oder mit Gummistiefeln, die Fahrradler und Motorradler plustern sich unter ihren Regenumhängen, die Autos werfen Wasserfontänen.

Ulli, der im Paukstadtschen Haus gewerkelt hat, wartet auf seinem Motorroller bereits seit einer dreiviertel Stunde im strömenden Regen auf uns, denn Yati, die uns kutschiert, benötigt weitaus mehr Zeit auf den überschwemmten Straßen als geplant. Die beiden kennen das „Balong“, ein unter Einheimischen bekanntes Lokal irgendwo in den Reisfeldern vor Pangandaran, wo frisches Seefood serviert wird. Draußen schüttet es noch immer. In dem rustikalen Lokal sitzt außer uns niemand, Koch und Köchin sind kurz vorher eingetroffen und machen sich zügig an die Vorbereitung des Abendessens in der offenen Küche, so dass man ihnen über die Schulter schauen und in die Woks hineinsehen kann, in denen es zu brutzeln beginnt. Und dann wird aufgetragen: rotschalige Krebse, große Garnelen und Fisch zu einer großen Schüssel Reis mit den üblichen Saucen. Schon beim Anblick läuft einem das Wasser im Mund zusammen, und der Anblick hält, was er verspricht.

Im Hotel klingt der Abend in gemeinsamer Runde fröhlich aus – der gastfreundliche Hotelboy hat uns wieder einige „Bintang Pilsener“ besorgt: Reisegeschichten, Erzählungen von Inselexpeditionen auf der Suche nach Insekten, Geschichten aus dem Leben eines Frachtschiff-Kapitäns.

„Wonderhill“ zwischen Reisfeldern

Tags darauf werden wir von Yati und Ulli, der mit seinem geliebten Motorroller vorneweg bzw. hinterdrein fährt, noch einmal zu einem Ausflug in die Umgebung mitgenommen. Eine Fahrt durch Dörfer, in denen die Leute überall auf ihren kleineren und größeren Grundstücken Reis zum Trocknen ausgelegt haben, nachdem heute die Sonne wieder ungehindert scheint. Eine Fahrt durch weite Reisfelder, auf denen einzelne Gruppen mit der Ernte beschäftigt sind. Das Reisernten dürfte nicht weniger belastend sein als das Reispflanzen: harte körperliche Arbeit, die nur selten durch den Einsatz von Kleinmaschinen unterstützt wird – beim Umpflügen der Reisfelder oder beim Ausklopfen der Reiskörner.

In irgendeinem Dorf (meine Notizen sind unzureichend) zweigt eine holperige Nebenstraße ab, die hinauf in die Berge führt. Steile Anstiege, ein handgemaltes Schild weist zu einem „Wonder Hill“, und völlig unerwartet landen wir in einer faszinierenden Karstlandschaft, von der wohl nur die Einheimischen wissen. Von einem Aussichtspunkt („Taman Farikota Jojogan“) geht der Blick hinaus auf eine urwaldgrüne Hügellandschaft, in die sich ein Wildfluss in ein tiefes Tal hinabgegraben hat, das nun auf beiden Seiten von bewaldeten Steilhängen eingefasst wird. Tief drunten am Talboden staffeln sich einige Reisfelder, die den weiten Wäldern ein helles Grün hinzufügen.

Das kleine Dorf auf dem „Wonder Hill“ – ein paar wenige Häuser und Holzhütten – ist umgeben von einer überbordenden Pflanzenwelt, die in einer Art botanischem Garten angelegt wurde. Blühende Stauden entlang der Wege, aber auch Wildwuchs wie etwa das riesige Elefantenohr mit seinen ausladenden Blättern (Xanthosoma sagittifolium) oder die hoch aufragenden Brotfruchtbäume (Artocarpus altilis) mit den dicken grünen Früchten, die man noch aus der Ferne ausmachen kann.

Von dem Dorf führt eine lange Treppe im Zick-Zack hinunter zum Fluss, der dort einen Naturpool gebildet hat und zum Baden einlädt, bevor sich die „Bodyrafter“ auch hier in ein Wildwasserabenteuer hineintreiben lassen können. Wasserfälle, wer will, kann an dem einen über Felsbro­cken in die Höhe kraxeln. Unsere Beine sind zu müde, um in der Hitze zum Fluss hinunter zu steigen; man kann sich das Abenteuer auch auf YouTube vor Augen führen (www. Taman Farikota Jojogan „Wonder Hill“ Pangandaran).

Es gehen aber auch noch einige andere Wege ab, in der Umgebung soll es mehrere Höhlen geben. Wir steigen auf einen weiteren Hügel, der in der Art eines „Steingartens“ bunt bepflanzt ist. Die Hügelkuppe ist wiederum bewaldet, und an die Stämme der schattenspendenden Bäume wurden allerlei Epiphyten, auch verschiedenartige Orchideen, angesetzt. Von einem weiteren Aussichtspunkt schweift der Blick über Wälder hinweg bis hinüber zur Küste in der Ferne. Wie gesagt: faszinierende Landschaftsbilder.

Gegen Abend der herzliche Abschied von unseren gastfreundlichen Begleitern Yati und Ulli, die es sich nicht haben nehmen lassen, uns auch noch bei der weiteren Reiseplanung nach Yogyakarta hilfreich zur Seite zu stehen. Zum Abschluss: gemeinsame Fotosession im Wissen darum, dass die Erinnerung bald lückenhaft wird.

Donnerstag, 16. Februar 2017: Yogyakarta

Reisetag

Der „Budiman-Bus“ steht bereits frühmorgens um 5 Uhr vor der Hoteleinfahrt, um uns aufzulesen und nach Yogyakarta zu bringen – ein Arrangement, das Yati gestern noch für uns getroffen hat. Und mehrmals während der Fahrt bringt uns der Busbeifahrer sein Handy, auf dem sie sich nach unserem Vorankommen und Wohlergehen erkundigt.

Mit dem angenehm schwach besetzten und wohltemperierten Bus werden wir stundenlang durch eine Landschaft gefahren, die ohne nennenswerte Erhebungen auskommt. Ausgedehnte oder eher klein parzellierte Reisfelder, auf denen in kleineren oder größeren Gruppen geerntet wird. Durch Orte, deren Straßen von stehenden oder fahrenden Motorrädern und Motorrollen verstopft sind. Vorbei an Dörfern, in denen Menschen und Tiere in enger Verbundenheit leben: Die Gassen gehören nicht nur den Fußgängern und Motorradlern, sondern auch den Hühnern und in die Länge gestreckten Gänsen, stummelschwänzigen Katzen und mageren Hunden, die sich in ihnen umsichtig und, so hat man den Eindruck, verkehrskundig fortbewegen, so dass weder Mensch noch Tier in Mitleidenschaft gezogen werden. Vorbei an (muslimischen?) Friedhöfen, die anstelle von Grabsteinen mit kleinen, schmucklosen Sarkophagen irgendwie ungeordnet belegt sind.

Zudem ist heute Wahltag, an dem, so werden wir informiert, der Vormittag arbeitsfrei ist, damit alle zur Wahl gehen können. Im Freien sind Tische aufgestellt, auf denen Papiere ausgelegt sind, die von Wahlhelfern in weißen Blusen und dunkelblauen Uniformen verwaltet werden. Menschenschlangen haben sich jedoch nirgendwo gebildet, die Wähler tröpfeln eher vereinzelt ein – und der Beobachter fragt sich, wie hoch wohl die Wahlbeteiligung ausfallen wird. Denn trotz der Freistellung gehen die Leute ihren alltäglichen Beschäftigungen nach, und auch die Läden haben durchweg geöffnet.

Prambanan

„Alle Wege führen nach Yogyakarta …, auf jeden Fall die Wege der Traveler und Touristen“ (Jacobi et al., 2015, S. 204) – zumindest wenn sie auf Java unterwegs sind. Dementsprechend gibt es Beschreibungen von der Stadt, dem kulturellen Zentrum Javas, und seiner Umgebung zur Genüge. Und im Internet kann man sich ebenso leidenschaftlich wie dröge geschriebene Reiseberichte über Yogya
zu Gemüte führen. Wiederholungen kann man sich folglich ersparen, einige subjektive Anmerkungen reichen aus.

Unsere Sightseeing-Tour beginnt am Morgen unter Anleitung von Beta, der uns als Reiseführer zur Seite steht. Beta müsste eigentlich „Alpha“ heißen, denn er rangiert unter den deutschsprachigen Reiseführern sicherlich ganz oben: souverän und auskunftsfreudig, historisch kundig und selbst in den Details beschlagen, mit einem wohltuenden Schuss Ironie hinsichtlich der javanischen Kultur und Sprache, mit einem schweizerischen Dialekteinschlag, dessen Ursprung er selbst mit den vielen, vielen Schweizer Touristen erklärt, die er schon durchs Land geführt hat. Im Hotel „Yogyakarta Plaza“, in dem wir gestern eingecheckt haben, hat er uns eine schriftliche Kurznachricht in grammatikalisch einwandfreiem Deutsch hinterlassen, ab wann er heute unseren kulturhistorischen Einsatz erwartet. Wir treffen ihn in der großen Eingangshalle des Hotels, das seinem Namen durch Weitläufigkeit alle Ehre macht (vgl. www. tripadvisor.de: Jogjakarta Plaza Hotel).

Beta führt uns mit dem Taxi zunächst aus Yogya hinaus zu der grandiosen Tempelanlage Prambanan, in der man sich morgens noch einigermaßen frei bewegen kann: die größte hinduistische Anlage ganz Südostasiens; Mitte des 9. Jh.s erbaut, bald darauf verlassen und dem Verfall preisgegeben; acht Haupttempel, insgesamt über 240 (!) große und kleinere Schreine, die meisten in ruinösem Zustand; drei hierarchisch gestufte Tempelzonen, die innerste mit den acht Haupttempeln zugleich die heiligste Zone. Zerstörung der Tempelanlage durch ein Erdbeben im 16. Jh.; erst 1918 Beginn des Wiederaufbaus; seit 1991 UNESCO-Weltkulturerbe; erneute Beschädigung durch ein Erdbeben im Jahre 2006. Seither laufen großangelegte Renovierungsarbeiten, die jedoch dadurch erschwert werden, dass sich die Steinberge, die zwischen den zahlreichen Schreinen verstreut liegen, nur mühsam ordnen und zuordnen lassen (u. a. Wikipedia: Prambanan). Bei genauerem Hinsehen liegen da viele kunstvoll bearbeitete Einzelstücke herum.

Die hinduistische Tempelanlage Prambanan

Die hinduistische Tempelanlage Prambanan

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Die drei größten Schreine sind den drei Göttern Shiva, dem Zerstörer, Vishnu, dem Bewahrer, und Brahma, dem Schöpfer geweiht: Trimurti, die hinduistische Götter-Trinität. Shiva gebührt der größte Tempel, auf der oberen steinernen Stufe immerhin auf 47 m spitz zulaufend und alle anderen deutlich überragend. Kunstvolle Mauerreliefs. Die äußere Mauer wird vom so genannten „Prambanan-Panel“ geschmückt, das angeblich speziell diese Tempelanlage ziert: eine Löwen-Nische, daneben Reliefstücke mit mythischen Kalpataru-Bäumen, unter denen nach hinduistisch-buddhistischen Vorstellungen Wünsche in Erfüllung gehen sollen, jeder Baum wiederum flankiert von einem Tierpaar (Vögel, Hirsche, Schafe, Affen, Pferde, Elefanten), die wohl ebenfalls mythologisch belastet sind. Auf der innersten Ummauerung wird das indische Ramayana-Epos erzählt, das mit der Verbreitung der indischen Kultur in Südostasien auch Eingang in die javanische Überlieferung gefunden hat. Obwohl Beta detailliert nacherzählt, ist die Merkfähigkeit der Zuhörer begrenzt, aber die Erläuterungen im Internet sind fürs Nachlesen ausgesprochen hilfreich.

Das gesamte Tempelgelände, zu dem noch weitere Tempelareale gehören, ist riesig, so dass sich die Besucherströme zumindest jetzt, in der Low Season, verlaufen. Gleichwohl drängeln sich die Besucher um die Haupttempel, so dass wir nach Nischen suchen, damit uns Beta über die in Stein gearbeiteten Erzählungen in Ruhe berichten kann. Und der Blick aus der Ferne auf den Rara Jonggrang-Komplex um den großen Shiva-Tempel – auch dazu gibt es eine Legende – bleibt einmalig.

Wie es in touristischen Hochzeiten aussieht, soll uns nicht kümmern. Aber schon jetzt durchkämmen ganze Kolonnen von „fliegenden“ Souvenirverkäufern, sozusagen im Gegenverkehr, die den Ausgängen zustrebenden Besucher. Dennoch – es scheint eine ziemlich frustrierende Art von verkäuferischer Arbeit zu sein, kaum jemand interessiert sich für die immer gleichen überflüssigen Angebote, alle wimmeln nur ab oder weichen, wenn’s geht, in großem Bogen aus. Und Beta kennt Schleichwege um die Souvenirbuden herum, die sich zu kleinen Märkten ausgewachsen haben.

Kraton, der Palast des Sultans Hamengkubuwono X.

Kraton, der Sultanspalast, macht noch immer etwas her, auch wenn sich der demonstrative Prunk in Grenzen hält. Inzwischen herrscht Sultan Hamengkubuwono X. als Provinzgouverneur, nachdem sein verehrter Vater, Hamengkubuwono IX. (1912-1988), schon während des Unab­hängigkeitskrieges mit der indonesischen Unabhängigkeitsbewegung kooperiert und sein Reich 1950 zu einem Teil Indonesiens erklärt hatte. Dafür erhielt er die lebenslange Regentschaft, und das Sultanat Yogyakarta besteht politisch als einziges Sultanat mit dem jeweiligen Sultan als Gouverneur bis heute fort.

Deshalb sitzen auch jetzt noch die ehrenamtlichen Palastwächter in schönem, schwertgegürtetem Palastwächter-Outfit und in demütig-verehrender Haltung vor den Eingängen des weitläufigen Palastgeländes und seiner museal ausgestatteten Einzelanlagen, die vor allem der (kunst)histori­schen sultanen Selbstvergewisserung zu dienen scheinen: Den politischen Leistungen der Sultans-Dynastie, insbesondere der Politik von Hamengkubuwono IX. ist ein musealer Trakt gewidmet; in einem anderen sind die zahlreichen Geschenke aus aller Herren Länder ausgestellt; die javanische Tradition kann anhand der (Gamelan-)Musikinstrumente bewundert werden usw.. Nur der vom heutigen Sultan bewohnte Palast darf nicht betreten werden, verständlicherweise. Auch Beta muss seine Führungsrolle an eine Angestellte des Sultanats abgeben, welche die alleinige Autorität besitzt, die Besucher erläuternd durch die Anlage zu führen, was sie gut macht.

Taman Sari, der sultane Wasserpalast

Schon Hamengkubuwono I. und II. ließen den nahegelegenen Wasserpalast Taman Sari Mitte des 18. Jh.s als einen von Pavillons und blühenden Pflanzen umrahmten Bäderpark erbauen, heute könnte man vielleicht von einer erotisierenden „recreation area“ sprechen: Ein kunstvoll angelegtes und von schönen jungen Frauen belebtes Bäderambiente, das, mit hilfreicher Unterstützung der Schönen, die Gedanken des durch seine Amts- und Kriegsgeschäfte ermatteten Sultans wieder in eine andere Richtung lenkte.

Die heutigen Besucher können nur noch einen Teil der einst ausgedehnten Anlage bewundern: die beiden in Stein gesetzten mächtigen Eingangsportale mit ihrer imposanten Ornamentik; die beiden ausladend gemauerten Badebecken, die ihrerseits von einer hohen, blickschützenden Mauer eingefasst sind; den großen Pavillon, der die beiden Becken teilt und von dessen Turm aus der Sultan seinerzeit den Badebetrieb überblicken konnte, um eine Auswahl unter den Konkubinen zu treffen und sich dann, „bei Bedarf“, in einen der Räume zurückzuziehen, die ihm in den beiden Flügeln des Pavillons zur Verfügung standen.

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Taman Sari

Leider können die derzeitigen Besucher den wohlgefälligen Blick des Sultans nicht mehr teilen. Bereits kurz nach dem Tod Hamengkubuwonos I. wurde der Wasserpalast aufgegeben, möglicherweise auch deshalb, weil das komplizierte hydraulische System den Ansprüchen nicht genügte, Kriegszerstörungen und Erdbeben kamen hinzu. Von den blühenden Gärten, den zahlreichen Pavillons und großzügig angelegten Bäderanlagen ist nicht mehr allzuviel übrig geblieben. Die Wasserbecken bieten ein eher grünlich „abgestandenes“ Bild, aus dem die nymphengleichen Konkubinen und Töchter des Sultans längst verschwunden sind. Die Räumlichkeiten im Pavillon stehen, gänzlich unerotisch, leer. Die Besucher müssen also heutzutage ihre Fantasie kräftig beflügeln, um die Bilder des ehemaligen Taman Sari wieder vor ihr inneres Auge zu imaginieren, was nicht so recht gelingen will, so dass sie sich mit Ahnungen abfinden müssen. Und vielleicht gehen ja auch manche Imaginationen völlig in die Irre. Womöglich waren seinerzeit das vermeintlich erotisierende Badeleben und die sultane Entspannung im Kreise seiner Nymphen in hohem Maße ritualisiert, worauf nicht zuletzt die formale Strenge der noch bestehenden Anlagen schließen lässt. (Selbst das Internet ist sehr zurückhaltend hinsichtlich einer konkreteren Beschreibung jenes früher vielleicht unterhaltsamen Badebetriebes.)

Nicht weniger irritiert schreitet der Besucher zu einer weiteren obskuren Anlage, die dem Taman Sari zugeordnet ist. Durch einen unterirdischen Gang erreicht er den so genannten Sumur Gumuling, ein rundgebauter, zweistöckiger Komplex, der als Moschee genutzt wurde. Allerdings von einem fremden Architekten, „dem Portugiesen“, entworfen, der mit muslimischen Traditionen nicht vertraut war. Vier Treppen laufen auf einer erhöhten Plattform zusammen, von der aus eine weitere Treppe in das obere Stockwerk hinaufführt. Unter der Plattform liegt ein schmaler „Pool“, der angeblich der rituellen Reinigung nach muslimischer Tradition diente, obgleich die Reinigung üblicherweise außerhalb der Moschee erfolgt. Die Räume im Untergeschoss waren wahrscheinlich Gebetsräume. Auch in diesem architektonisch merkwürdigen Gebäude erreicht die Ahnung nicht die Erkenntnis (oder ich habe Beta nicht aufmerksam zugehört). Heutzutage sind die Treppen und Raumöffnungen ständig von Besuchern belegt, die sich viel Zeit lassen, um sich gegenseitig in unterschiedlichen Arrangements zu fotografieren und die kunsthistorische Einsicht vollends zu verstellen.

Kunsthandwerk

Man fühlt sich irgendwie „historisch befreit“, wenn man wieder hinaustritt ins alltägliche Dorfleben, das den Taman Sari umgibt. Kleine Häuser an engen Gassen, Pflege von Kunsthandwerk und Pflege der Blütenpracht in den Gärtchen.

Auch in der Stadt gibt es noch Viertel, in denen das traditionelle Kunsthandwerk betrieben wird. Wir sehen zu, wie die javanischen Wayang-Puppen aus Büffelleder in filigraner Handarbeit hergestellt werden. Und erst im Nachhinein kann ich mich detaillierter über die verschiedenen Arten und Stilrichtungen des Wayang informieren – vom hoch ritualisierten Maskentanz, dem Wayang Topeng, über das Wayang Golek und das Wayang Klitik mit hölzernen Stabpuppen bis zum Wayang Kulit, das mit jenen fein gearbeiteten und perforierten Puppen aus Büffelhaut gespielt wird (Wikipedia: Wayang). Auch die Wayang-Vorführungen nehmen üblicherweise auf die großen Epen wie z. B. auf das bereits erwähnte indische Ramayana-Epos Bezug und stellen insofern eine Fortsetzung jener Geschichten mit anderen künstlerischen Mitteln dar, die auf den Mauern der Prambanan-Tempelanlage in Stein gehauen wurden.

Das Wayang Kulit ist ohne Zweifel das bekannteste Wayang aus Indonesien. Bevorzugt gespielte Geschichten stammen aus dem Ramayana, Mahabharata oder dem Serat Menak. …

Die Figuren aus Büffelhaut sind landesspezifisch unterschiedlich. Aus Zentraljava (Yogyakarta) kommen sehr aufwendig hergestellte Figuren mit einem hohen Abstraktionsgrad, die (adeligen) Guten sind dünn, feingliedrig mit mandelförmigen Augen und spitzen Nasen. … In Zentraljava gibt es zwei Stilrichtungen, eine in Yogyakarta und die andere in Surakarta (Solo). Die Solo-Figuren sind schlanker, graziler, mit kürzeren Armen und leichter zu spielen als die Yogya-Figuren. Bei den Frauen ist der Zipfel des Unterkleides nach vorne gezogen und gibt der Figur eine krumme, unterwürfige Haltung, während Solo-Frauen hoch aufgerichtet und stolz erscheinen.

Die handwerkliche Herstellung einer Wayang-Kulit-Figur in spielfähiger Größe dauert einige Wochen, wobei meist mehrere Handwerker (Künstler) nacheinander daran arbeiten. Zunächst der, der die Mastervorlage (meist aus Papier) auf das Leder überträgt, dann der, der die Figur in ihrem Umriss ausstanzt und ebenso die filigranen Strukturen (Durchbrüche/Löcher). Danach wird die Figur geglättet, meist mit einer Glasflasche und grundiert. Die Struktur wird geprüft und eventuell nachgearbeitet. Eine weitere Glättung erfolgt vor der eigentlichen, miniaturhaft-feinen Bemalung, die häufig von einem weiteren Handwerker vorgenommen wird. Zum Schluss werden die beweglichen Teile (Oberarme, Unterarme mit Händen und den zugehörigen Spielstäben) an den Rumpf montiert, sowie der zentrale Versteifungs- und Haltestab“ (Wikipedia: Wayang).

Heutzutage werden die Wayang-Figuren auch industriell gefertigt, wobei in einem Arbeitsgang innerhalb einer Stunde bis zu zehn Figuren ausgefräst werden, die dann, nach der Bemalung, „wäschekörbeweise zum Kunden (Souvenirshop) gefahren“ werden (Wikipedia: Wayang).

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Yogyakarta: Kusthandwerk

Die rückläufige Handwerkskunst macht auch dem traditionellem Batik-Handwerk zu schaffen. Beta weiß, dass zahlreiche Handwerksbetriebe bereits verschwunden sind. Wir besuchen eine der übrig gebliebenen großen Verkaufsausstellungen, wo das traditionelle Stofffärben noch bestaunt werden kann. Im Eingang zu den Verkaufsräumen hängen einige Batik-Kunstwerke: wunderschöne Landschaftsbilder in variierenden Grüntönungen, bei denen sich der Betrachter fragt, wie so etwas komponiert werden kann. Die zum Verkauf aushängende Batik-Kleidung ist schon „durchmischt“: Einerseits findet man (teure) Stücke, die noch in Handarbeit hergestellt wurden und die traditionellen javanischen Muster aufnehmen, andererseits gibt es auch (preisgünstigere) maschinell gearbeitete Kleidung, welche die Träger(innen) aber ebenfalls schmückt, zumal die Unwissenden den Unterschied schwerlich zu erkennen in der Lage sind (Wikipedia: Batik).

Aufbruch zum Borobudur, wo wir am Abend im „Plataran“-Hotel einchecken.

Freitag, 17. Februar 2017: Borobudur

Ein Hotel-Traum

Das „Plataran“-Hotel – wir bewegen uns in einem Traum. Überwältigender Komfort, eingebettet in eine verwunschene Umgebung. Einzelne Bungalows wurden in einen bewaldeten Berghang hinein verstreut. Jeder einzelne ein architektonisches Schmuckstück mit so großzügig angelegten Räumlichkeiten im Inneren und draußen, dass man sich einige Tage darin aufhalten müsste, wenn man sie wirklich „nutzen“ und nicht nur als stilvolles Ambiente genießen wollte. Das Innere geschmackvoll durchgestylt bis in die Details; die schönen Betten fast zu schade, um darin bloß zu schlafen; das Bad als schicker Wellnessraum ausgestaltet. Draußen eine große Holzterrasse, spitzgiebelig mit schönen Hölzern überdacht und von einer exotischen Bepflanzung eingefasst. Vom kleinen „privaten“ Infinitypool vor der Terrasse öffnet sich ein Ausblick über Waldhügel hinweg auf den Borobudur; das scheinbar kantenlose Wasserbecken erweckt den Eindruck, man könnte in die landschaftliche Umgebung hineinschwimmen. Auf der anderen Seite bieten dicht gesetzte Hummerscheren (Helliconia) Sichtschutz; deren rote Tragblätter mit den gelben Spitzen hängen wie exotische Schmuckketten an den Pflanzen und setzen in der Waldumgebung feurig leuchtende Akzente.

Auf der Hügelkuppe steht das Hotelrestaurant, weißgetüncht, mit umlaufender Balustrade, von Säulen gestützt. Architektonisches Südstaaten-Flair, dem sich das wohlhabende internationale Publikum anpasst, das abends auf den Terrassen zusammenfindet, um die mehrgängigen Köstlichkeiten bei romantischem Kerzenschein im Freien zu genießen. Ein italienischer Koch verantwortet die indonesische Speisekarte mit europäischem Einschlag und das Weinsortiment.

Den Bungalows am anderen Steilhang fehlt zwar der Blick auf den Borobudur. Stattdessen aber sind die noch großzügigeren Räumlichkeiten von einer Gartenanlage in japanischer Manier umgeben. Oasen im Dschungel. Die überdachte Holzterrasse inmitten eines mit Fischen besetzten Teiches ist nur über einige Trittplatten zu erreichen. Ein Frosch hat sich in einen Pflanzkübel verirrt und tut dies mit abendlichem Quaken lauthals kund. In tiefen Polstersesseln kann man sich um einen flachen Tisch herum gruppieren, um den Abend in gemütlicher Runde ausklingen zu lassen – denn die erlebnisdichten Erzählungen wollen kein Ende nehmen.

Nur wenige Gäste treffen sich frühmorgens wieder auf der Aussichtsplattform, um das Entstehen der Landschaftskonturen am Borobudur zu erleben. Wer Glück hat, kann einen grandiosen Sonnenaufgang hinter der Tempelanlage und den Vulkankegeln in der Ferne erleben, während zwischen den näher gelegenen Hügelketten noch die Dunstwolken hängen. Uns ist ein solcher Sonnenaufgang bei dicht bewölktem Himmel nicht gegönnt. Aber auch an den sich schnell verändernden Wolkenzügen und den dadurch variierenden Lichtverhältnissen über den Hügeln und Bergen kann man sich erfreuen, wenngleich unter diesen Voraussetzungen die zahlreich mitgeführten Kameraausrüstungen ihre Leistungsfähigkeit kaum unter Beweis stellen können. Aber der vom Hotelpersonal zubereitete heiße Tee oder Kaffee, der schon vor dem Frühstück auf der Aussichtsplattform bereitsteht, ist eine Wohltat in der Kühle des Morgens.

Doch dann beginnt die Konkurrenz der Muezzine, die ihre morgendlichen Gebetsaufrufe zum Sonnenaufgang aus allen erreichbaren Lautsprechern schallen lassen. Die Stille der Landschaft wird durch das anhaltende Geplärre völlig niedergemacht. (Unwillkürlich schießt mir der Gedanke in den Kopf: Ist eine Religion, die so lautsprecherisch zum Gebet rufen lässt, in ihrem Kern nicht doch aggressiv? Und jetzt, mit Blick auf die islamisch beschallte buddhistische Tempelanlage, stellt sich bei mir zudem Verständnis ein dafür, dass mancherorts im christlichen Deutschland um derartige Muezzin-Lautsprecher gestritten wird.)

Das buddhistische Borobudur

Borobudur, das buddhistische Gegenstück zum hinduistischen Prambanan. Dieselbe formale Strenge und doch ganz anders. Eine riesige, in die Breite plattgedrückte „Pyramide“ mit einem imposanten Stupa weithin sichtbar obendrauf. Eine der größten buddhistischen Tempelanlagen Südostasiens, das bedeutendste Bauwerk des Mahayana-Buddhismus auf Java“ und – wie Prambanan – seit 1991 UNESCO-Weltkulturerbe. (Offenbar stand Indonesien in den 1990er-Jahren auf der Agenda der UNESCO obenan.)

Vor dem Staunen kommt das Steigen, und aus der Ebene wird ersichtlich, dass der Tempel über steile Treppen erst erklommen werden muss: Der Borobudur wurde auf einem kleinen Hügel in dem Kedu-Becken gebaut, einem reichen fruchtbaren Tal, welches von Bergen umgeben ist. Im Süden und Südwesten von den Menoreh-Bergen, im Norden und Nordosten von den Vulkanen Merapi und Merbabu und im Nordwesten von den Vulkanen Sumbing und Sindoro. Der Tempel liegt ebenso an dem Zusammenfluss zweier Flüsse, dem Elo und dem Progo. Diese Flüsse stehen im Glauben, Symbole für die beiden Flüsse Ganges und Vamuna zu repräsentieren, welche das Indus-Tal in Indien versorgen“ (Wikipedia: Borobudur; ebenfalls die Zitate im Folgenden).

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Die buddhisische Tempelanlage Borobudur (Plakat)

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Borobudur, Relief

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Borobudur, Stupa (Wikipedia)

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Die architektonische Struktur der Borobudur-Tempelanlage, Nachbildung des Universums gemäß der buddhistischen Kosmogonie, ist besonders eindrucksvoll: „Insgesamt neun Stockwerke türmen sich auf der quadratischen Basis von 123 m Länge. An den Wänden der vier sich stufenartig verjüngenden Galerien befinden sich Flachreliefs in der Gesamtlänge von über fünf Kilometern, welche das Leben und Wirken Buddhas beschreiben. Darüber liegen drei sich konzentrisch verjüngende Terrassen mit insgesamt 76 Stupas, welche die Hauptstupa von fast 11 m Durchmesser umrahmen.“ Um die Bedeutung der kilometerlangen kunstvoll gearbeiteten Reliefs angemessen würdigen zu können, müsste man das Leben und die Geschichte Buddhas im Detail kennen. Aber „Borobudur ist nicht nur ein einzigartiges religiöses Denkmal, sondern auch eine wichtige Quelle für Informationen zur javanischen Geschichte. Die dargestellten Personen, ihre Kleidung, Häuser, Wagen, Schiffe, Geräte, Instrumente, Tänze etc. zeigen das höfische und bäuerliche Leben im Java des 9. Jahrhunderts, wie es sonst nirgends dokumentiert ist.“

Kaum weniger beeindruckend sind die vielen Buddha-Statuen mit ihren bedeutungsvoll unterschiedlichen Handhaltungen und die „perforierten“ Stupas, die zu einer unablässigen Umrundung einladen. Zwar muss man sich dann zwischen den vielen Besuchern hindurchschlängeln, aber der Blick kann abschweifen hinaus auf die weite Landschaft. Und selbst beim ungläubigen Besucher kann dann so etwas wie innere Ruhe einkehren, von der ganz offensichtlich die wenigen buddhistischen Mönche durchdrungen sind, die mitten im Besuchertrubel weltabgewandt und in sich selbst versunken vor sich hin beten.

Sir Thomas Stamford Bingley Raffles

Spannend ist auch die Geschichte des Borodubur. Erbaut zwischen 750 und 850 geriet die Tem­pelanlage im 10./11. Jh. fast tausend Jahre in Vergessenheit. Unter „vulkanischer Asche und wuchernder Vegetation begraben“, wurde sie Anfang des 19. Jh.s überhaupt erst wieder entdeckt. „Die eigentliche Wiederentdeckung begann 1814, nachdem [Thomas Stamford] Raffles, der damalige englische Gouverneur Javas, auf seiner Reise nach Semarang einen Report erhalten hatte, demzufolge in der Gegend von Bumisegoro ein großes Monument existierte, welches Borobudur genannt wurde. Raffles wies den holländischen Ingenieur H.C. Cornellius an, eine Studie über die Lage anzufertigen. Der Bericht ist der erste ausführliche Beleg für die Existenz und den Zustand des Borobudur. Die Zeichnung von Cornellius ist ein wichtiges Dokument über den Zustand vor dem Beginn der Freilegungen und Restaurierungen.“ Dennoch kamen die Arbeiten zur Freilegung und Restaurierung auch in der Folgezeit nicht voran und über Einzelaktionen nicht hinaus, nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen England und den Niederlanden um die Insel Java. Erst nach der Unabhängigkeit Indonesiens wurde ein Restaurierungsprogramm aufgelegt, das zwischen 1973 und 1984 große Teile des heutigen Weltkulturerbes wieder auferstehen ließ. Man muss sich das vorstellen: „Im Jahr 1973 startete, unterstützt durch die Unesco, ein zehnjähriges, 25 Mio. US$ teures Mammutprojekt. Reliefs mussten restauriert und das Fundament Stein für Stein erneuert werden. Insgesamt wurden bis 1983 exakt 1 300 232 Steine katalogisiert, gereinigt und chemisch behandelt“ (Jacobi et al., 2015, S. 228).

Und es lohnt sich ebenfalls, in die ungewöhnliche Biografie des Sir Thomas Stamford Bingley Raffles (1781-1826) hineinzulesen, der nicht nur als Gründer der Stadt Singapur gilt, sondern auch die Landvermessung von Java anordnete, eine Geschichte der Insel geschrieben hat („The history of Java“) und sich darüber hinaus auch noch als Naturforscher betätigte. Die Rafflesia arnoldii trägt seinen Namen, jene riesige Schmarotzerpflanze auf Lianengewächsen, deren nach Aas stinkende Blüten bis zu einem Meter im Durchmesser und ein Gewicht von bis zu elf Kilogramm erreichen; und nach ihm ist die Familie der Rafflesiaceae und die ganze Pflanzengattung Rafflesia benannt (Wikipedia: Rafflesien). Sir Raffles gehörte zu den Gründern der Zoological Society of London (gegr. 1826) und war deren erster Präsident (Wikipedia: Zoological Society of London). Die Präsidentschaft war ihm jedoch nicht gegönnt, bereits am 5. Juli 1826, kurz vor seinem 45. Geburtstag, ist er an den Folgen eines Schlaganfalles verstorben (Wikipedia: Thomas Stamford Raffles). Welch ein folgenreiches Leben in so kurzer Zeit!

Ein anderer hat Sir Raffles mit dem Buch „Der Löwe von Singapur“ ein literarisches Denkmal gesetzt: Nigel Barley, der Londoner Anthropologe (geb. 1947). Dessen Berichte über die eigenen Feldforschungen in Afrika und Südostasien mag man nicht mehr aus der Hand legen – mir wenigs­tens geht es so –, weil sie in liebevoll-ironischer Distanz zur eigenen Zunft geschrieben sind. Nachdem Barley in den 1970-Jahren bei den Dowayo in Kamerun geforscht hatte, trieb es ihn einige Jahre später nach Indonesien, wo er unter anderem auch die Toraja auf Sulawesi besuchte, die so schöne Holzhäuser bauen können („Auf den Spuren von Mr. Spock“). Das Lesevergnügen beginnt schon in der Einleitung:

„Ich habe nie wirklich verstanden, was den Ethnologen hinaustreibt. Wahrscheinlich ist es schlicht der Triumph vorwitziger Neugier über vernünftige Besonnenheit. … Der Punkt ist, dass Feldexkursionen häufig eher ein Versuch des Forschers sind, eigene, sehr persönliche Probleme zu lösen, als dass sie dem Bemühen entsprängen, andere Kulturen zu verstehen. Innerhalb des Berufsstandes gelten sie oft als ein Allheilmittel. Ehe kaputt? Zieh los und treib ein bisschen Feldforschung, damit sich dir die Dinge wieder zurechtrücken. Deprimiert, weil es mit der Karriere nicht vorangeht? Betreibe Feldforschung, dann hast du andere Sorgen“ (S. 14 f.).

Vielleicht entstehen große Lebensgeschichten gar nicht so selten unter derartigen Motivkonstellationen.

Eine Radtour durch Reisfelder

Kulturhistorisch gesättigt freuen wir uns auf eine Radtour durch die Natur und durch den dörflichen Alltag. Irgendwo in Magelang, einer größeren Stadt im Umkreis von Borobudur, können wir Fahrräder leihen, und die Radlerin Ayse begleitet uns aus dem örtlichen Trubel hinaus in eine dörfliche geprägte Landschaft. Durch sattgrüne Reisfelder und durch Gemüsefelder, auf denen mehrere Fruchtsorten – z. B. Mais und Auberginen und Gurken – zugleich angepflanzt werden.

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Reisbauern

Ländliche Dörfer, in denen neben Althergebrachtem zahlreiche Häuser aus neuerer Zeit stehen, in Stein gesetzt, farbenfroh verputzt. Die einen wie die anderen von blühenden Gärten großzügig eingefasst, die nicht nur als schmückendes Beiwerk angelegt sind, sondern auch als Nutzgärten dienen. Nicht selten sieht man dort allerlei Hüttenkonstruktionen, in denen landwirtschaftliches Gerät untergebracht ist. Die Häuser liegen zwischen „reichhaltigem“ Baumbestand: Palmen, Kakaobäume und Pfeffersträucher. In keinem Ort fehlt die Moschee. Es ist Freitag und die Gebetslautsprecher bellen. Die Männer folgen den Aufrufen, „sonntäglich“ gekleidet, ohne Frauen.

Ayse zeigt uns eine „Soja home production“ in einer überhitzten und verschmutzten Kurmelhütte, wo einem der Appetit auf Tofu-Produkte à la Tempe vergeht. In einem gewöhnungsbedürftig schmutzigen Raum wird gekocht und gebacken. Die beiden kleinen Kinder spielen auf dem lehmigen Fußboden, der nur an manchen Stellen mit Decken oder Planen belegt ist. Über mehrere Bildschirme rieselt „Schnee“, der die dürftigen TV-Inszenierungen gnädig bedeckt; wobei das Fernsehen ein Indonesien vorspielt, das mit dem Leben hier wie in den Dörfern anderswo nichts, aber auch gar nichts gemein hat. Nebendran sind Schafe in einem Stall eingepfercht, denen fürs Überleben Bewunderung gebührt.

Anderswo widmet sich eine junge Frau fingerfertig ihrer Keramikarbeit. Wir sehen zu, wie allerlei Schalen und Gefäße auf der Töpferscheibe Form annehmen. 80 Prozent davon finden Käufer im eigenen Dorf.

„Nachtleben“ in Yogya

Das „Yogyakarta Plaza“ scheint ziemlich mittig in der Stadt zu liegen, denn um das Hotel herum ist der Straßenverkehr bis spät in die Nacht im Fluss. Selbst in den engeren und schlecht beleuchteten Nebenstraßen. Als Fußgänger bewegt man sich gefahrvoll zwischen den heranrollenden SUVs und den ein- und ausscherenden Motorrollern, die zugleich jede Lücke zum Überholen nutzen wollen. Gleich hinter dem Hotel reiht sich ein kleiner Handy-Laden an den nächsten, die Licht auf die Straßen werfen. Die zur Auswahl ausliegenden Gerätschaften aller bekannten und unbekannten Fabrikate lassen keine Wünsche offen. Obwohl fast alle Augen und Ohren in ganz Indonesien medial miteinander vernetzt sind, scheint der Beratungs- und Kaufbedarf bei den jüngeren Leuten ungebrochen. Sie sitzen unter den Kunststoffplanen der Lädchen und testen aufmerksam dieses und jenes Gerät.

Zwischen die Buden mit Elektronik-Zubehör quetschen sich Imbissbuden, deren ebenso variantenreiche wie preisgünstige Angebote aus der traditionellen indonesischen Küche offenbar ebenfalls ausgesprochen beliebt sind. In einem Warung setzen wir uns dazu, an den einzigen freien Tisch in der hintersten Ecke. Alle anderen Tische sind voll belegt mit jungen Gästen, die Mehrfachaufgaben problemlos bewältigen. Während des Essens werden ständig mediale Botschaften empfangen und abgesetzt, deren Inhalte sich in der Mimik Empfänger-Sender – mal skeptisch, mal vor sich hin lächelnd – widerspiegeln, jedoch den Rhythmus des Kauens nur selten unterbrechen. Wir passen unsere Aktivitäten der gastronomischen Umgebung an: essen und daddeln. Allein der Altersunterschied und das abweichende Aussehen machen uns kurzfristig auffällig, dann aber verliert sich unsere soziale Umgebung schnell wieder im Netz.

Das nahegelegene Gelände der Universität, an dem wir später vorbei kommen, ist weitgehend ausgestorben. Nur in der Eingangshalle eines Gebäudes brennt noch Licht. Dort übt eine (studentische?) Gruppe zu westlicher Popmusik Tanzschritte für einen Formationstanz – und, soweit wir sehen, gibt es noch viel zu üben.

In einer urigen Kneipe genehmigen wir uns schließlich noch einen „Absacker“. Ein Rundbogen in einer aus rotem Backstein gesetzten Mauer führt hinein in eine Lokalität, die sich als eine interessante Mixtur aus Internetcafé, Studentenkneipe, Restaurant und Proberaum für Livemusik entpuppt. Man sitzt an roh zusammengezimmerten Tischen, in „Stühlen“, die aus Ölfässern zugeschnitten und in knallbuntem Rot und Gelb umgespritzt wurden. Man kann man sich „Bintang“ als Pils oder Radler oder irgendwelche erfrischenden Mixgetränke bestellen. Zu essen gibt es Kleinigkeiten oder die üblichen indonesischen Gerichte (Nasi goreng, Mi goreng, Ayam goreng, sate (Fleischspieße mit Erdnusssauce), gado-gado (Salat mit Erdnusssauce). Und es bedient eine hübsche junge Frau, die immer fröhlich strahlt, so als würde sie sich gerade über unseren Besuch und unsere Bestellung ganz besonders freuen. Dies ist zumindest der (vermutlich trügerische) Eindruck, den die beiden älteren Männer an unserem Tisch gewinnen – was die so genannte „Altersweisheit“ wieder einmal Lügen straft.

Samstag, 18. Februar 2017: Auf dem Weg

By train übers flache Land

Die Stasiun Yogyakarta, der Bahnhof Tugu, empfängt nur Reisende der Executive und Business Class, und für diese gibt sich diese Bahnstation ordentlich herausgeputzt. Schwarz uniformierte Ordnungskräfte mit gestrengem Blick und stramm durchgedrücktem Rücken vor einem strahlend weißen Eingangsgebäude sorgen dafür, dass der Parkverkehr in geordnete Bahnen gelenkt wird. Ebene und saubere Zugangswege, damit selbst Rollkoffer reibungslos rollen können. Einlass nur für diejenigen, die am Kontrollpunkt ihre Pässe und die gültigen Fahrausweise vorweisen können. Im Inneren gilt offenbar die höchste Sauberkeitsstufe für den polierten Bodenbelag, und selbst die Bahnsteige scheinen gerade erst gesäubert worden zu sein. Eng begrenzte Raucherpoints wie auf den Flughäfen. Auch der bereitstehende Expresszug vermittelt den Eindruck, als sei er außen und innen frisch gereinigt. Bequeme Sitze, genügend Platz, angenehm klimatisierte Waggons, die frische Luft muss draußen bleiben, die Fenster lassen sich nicht öffnen.

Ein ebenfalls schön livrierter Diensthabender gibt die Bahnstrecke frei – und der Expresszug zuckelt mitten durch das innerstädtische Straßengewirr von Yogyakarta, quert die weniger schönen Vororte und erreicht schließlich, tempogesteigert, das flache Land. Wir lassen die vorbeiziehenden Landschaftsbilder auf uns wirken. Nur gelegentlich unterbrochen vom schicken Bordpersonal, das die Fahrscheine und Fahrgäste inspiziert: von einem Kartenkontrolleur in adretter blauer Uniform mit passender Schirmmütze; in Begleitung eines bewaffneten Bahnpolizisten (?), dessen orangefarbenes Käppi an ein Panzerkorps erinnert; von hellblauen Livrees, die den Servicewagen mit Getränken und Snacks durch die Gänge schieben. Die Indonesier scheinen ein Faible für Uniformen zu haben, die mit Würde getragen werden.

Die Bahnstrecke zwischen Yogyakarta und Mojokerto durchquert flaches Land. Reisfelder soweit das Auge reicht. Auf den Feldern immer wieder Menschengruppen mit runden Strohhüten beim Ernten, wie kleine Krabbeltiere im Grünen. In den Städten rauscht der Express quer über wohlgeordnete und verkehrsdichte Straßen. Vor den Bahnschranken warten Motorräder und Motorroller in breiten und tief gestaffelten Formationen auf eine Weiterfahrt, so dass die völlig eingekreisten Autos sicherlich noch länger warten müssen. Ungebremst, aber mit lautem Signalhorn prescht der Zug durch die Dörfer, über dürftig gekennzeichnete Bahnübergänge, vor denen der spärlichere Straßenverkehr ins Stocken geraten ist. Vielerorts begleiten Hühner, Hunde und Ziegen die Bahnstrecke noch ein Stück weit; an den lärmenden Bahnverkehr haben sie sich offensichtlich längst gewöhnt, denn sie lassen sich bei ihren Alltagsbeschäftigungen nicht stören. Auch nicht die Alten, die vor ihren Hütten in der Sonne vor sich hin dösen. In Hinterhöfen hängen zahlreiche Vogelkäfige, in denen Buntgefiedertes sitzt und wahrscheinlich gar lieblich zwitschert. Ein leeres Fußballfeld mitten in der Landschaft; weder vom zugehörigen Dorf, noch von der Dorfmannschaft ist irgendetwas zu sehen. Irgendwo ein Tennisplatz, auf dem Drei gegen Drei spielen. Angler stehen an braunen Flüssen, deren Farbgebung weder zum Baden noch zum Befahren reizt; selbst die Fische würde man nur mit Vorbehalt essen, wenn man wüsste, wo sie ehedem geschwommen sind.

Wir erreichen Mojokerto um die Mittagszeit, ziemlich plangenau nach etwa vier Stunden.

By taxi in die Berge

Vor dem Bahnhof in Mojokerto wartet ein Taxi auf einem Parkplatz, der mit Motorrädern und Autos völlig zugestellt ist. Es bringt uns in einer weiteren vierstündigen Fahrt in die Berge. In Serpentinen geht es durch eine dicht bewaldete Berglandschaft immer höher hinauf in den Nationalpark Bromo-Tengger-Semeru. Zugleich sinken die Temperaturen. Im Taxi ist das zwar nicht zu bemerken, wohl aber in Tosari, einem der Dörfer oben in der Nähe des Nationalparks, wo wir im „Bromo Cottage Tosari“ einchecken.

Die Hotelanlage liegt auf einer Hügelkuppe. Die Gäste werden in einer Art Bahnhofshalle empfangen, Rezeption, Restaurant, Frühstücksraum und Lounge in einem, zugestellt mit skurrilem Mobiliar, an dem sich ein Holzkünstler versucht hat. Das einheimische, ausschließlich männliche Servicepersonal bedient – der Temperatur angemessen – in Trainingsanzügen, wodurch sich der Eindruck verstärkt, dass sich die wenigen Gäste in einem geräumigen Naturfreunde-Haus zusammengefunden haben. Die übersichtliche Speise- und Getränkekarte ist auf die Nahrungsaufnahme der erwarteten „Naturfreunde“ abgestimmt; „Bintang“ ist leider, aber nicht ganz unerwartet „sold out“. Die Reihenhäuschen für die Gäste sind terrassenförmig in den abfallenden Hang hineingebaut, umgeben von einer gepflegten Gartenanlage, in der es farbenfroh blüht; vor jedem Häuschen eine kleine Holzterrasse, auf der man frische Bergluft schnuppern kann.

Dorfleben in Tosari

Ein Abendspaziergang durchs Bergdorf, in dem eine einzige Durchgangsstraße vom „Bromo Cottage“, wo sie endet, steil hinauf führt zu den Häusern der Dorfbewohner. Diese scheinen ihren Lebensunterhalt vor allem mit Landwirtschaft zu bestreiten. Wie gezirkelt sind an den umliegenden Hängen weitläufige Felder angelegt, auf denen Nutzpflanzen wachsen. Die Feldarbeit auf den extrem steilen Hängen ist sicherlich mühevoll. Der Betrachter wundert sich, dass der Boden überhaupt „hält“ und auch bei Regen nicht in die Tiefe geschwemmt wird. Auch den Gärten sieht man die boden- und pflanzenkundige Pflege an: In ihnen wechseln sich Gemüsebeete ab mit bunten Blumenrabatten, und besonders ins Auge fallen die zahlreichen Engelstrompeten (Brugmansia), die als Schmuckelemente überall in den Gärten angepflanzt wurden, und die sich mit ihren großen weißen oder gelben Blüten dicht behängt haben. Am Straßenrand stehen weitere Reihen von vorgezogenen Pflanzen in schwarzen Plastikbeuteln, die wohl demnächst in den Gärten oder auf den Feldern weiterwachsen dürfen.

Das zweite (oder erste) Bein der Dörfler zur Sicherung ihres Lebensunterhalts scheint der Jeep-Tourismus auf den Bromo zu sein. Beinahe vor jedem Haus stehen ein gepflegter Jeep oder gleich mehrere Allradler, nicht nur ältere, sondern auch ganz neue, breitbereifte japanische Modelle, die Abenteuer pur versprechen. Der eine oder andere Besitzer, darauf angesprochen, erklärt stolz die Leistungsfähigkeiten seines tollen Wagens und lässt sich, lässig an den Kühler gelehnt, gerne mit ihm ablichten. Überhaupt gerät der Gang durchs Dorf zu einer Fotosession: Alle, von den kleinen Kindern bis zu den ganz Alten, lassen sich gerne mit den bleichhäutigen Fremden in Szene setzen; und es ist eine Frage der Perspektive, wer wen als „Exoten“ wahrnimmt. Es bestätigt aber auch die Erfahrung, die wir vielerorts machen: „Die Freude, für Fotos zu posieren, scheint ein universaler Wesenszug aller Indonesier zu sein“ (Pisani, 2015, 384).

Alltägliches Dorfleben. Auf dem Dorfplatz spielen junge Männer Volleyball, wobei das internationale Regelwerk auch im völlig abgelegenen indonesischen Bergdorf Tosari strikt eingehalten wird. Ein anderer großer Hof (vor dem „Rathaus“?) wird von drei jungen Frauen als Übungsgelände fürs Motorradfahren genutzt. Ob die wohl eine Prüfung für die Erlangung eines Führerscheins ablegen müssen – oder reicht Fahrenkönnen? Auf der steilen Dorfstraße knattern viele fröhlich lachend und winkend an uns vorbei, auch noch ganz Junge, Mädchen wie Buben. Im ummauerten Hof einer christlichen Schule wird für religiöse und ethnische Toleranz geworben: Die Schüler haben die Schulgebäude und die Außenmauern mit entsprechenden Botschaften grellbunt bemalt, so dass die Mahnungen nicht zu übersehen sind. Und das größte und schönste Haus, ganz in auffallendem Lila gehalten, gehört angeblich einer für das Dorf maßgeblichen Person: der Hebamme.

Sonntag, 19. Februar 2017: Touristische Abenteuer am Bromo

Nächtlicher Aufbruch

3.30 Uhr war vereinbart. Ich, Frühaufsteher, im Wachzustand, die anderen im Halbschlaf. Um 4.00 Uhr wollten wir im Jeep loslegen. Aber wir warten vergeblich, denn Beta verschläft, und der Driver muss ihn erst aus dem Bett holen. Dann driften wir durch die Nacht, hinauf auf die Tengger-Caldera in etwa 2000 m Höhe, wo wir irgendwo in der Sand-und-Stein-Wüste aus dem Auto geworfen werden.

Angeblich sollen Pferde auf uns warten, die aber, zumal in der Dunkelheit, nirgendwo auszumachen sind. Beta kann sie herbeitelefonieren, nachdem wir schon einige Zeit fußläufig im Sand unterwegs sind. Schließlich tauchen fünf Ponys mit ihren Führern aus dem dunklen Nichts auf. Wie haben sie uns wohl in dieser nächtlichen Wüste gefunden? Der Aufstieg kann beginnen. Zunächst der Aufstieg auf die Pferde, die zwar geduldig vor uns ausharren, aber für Ungeübte trotz ihrer geringen Größe eine Herausforderung darstellen. Die Pferdehalter müssen hieven und stemmen, ziehen und drücken, bis alle „Reiter“ ordentlich dort sitzen, wo sie hingehören: im Sattel, die Füße in den Steigbügeln und eine Halteleine in der Faust. („Danebengeratene“ Einzelaktionen seien an dieser Stelle taktvoll verschwiegen.)

Aufritt und Aufstieg zum Bromo

Es dämmert, als wir den Aufritt auf den Bromo in Angriff nehmen. Auf der vergleichsweise kurzen Reitstrecke in der ebenen Tengger-Caldera bleibt den Pferden nur wenig Zeit, sich an die schwankenden Gestalten auf ihrem Rücken zu gewöhnen, und den Reiterinnen und Reitern fehlt die Gelegenheit, ihrer Haltung endlich einmal aufrechte Eleganz zu verleihen. Denn schon bald nahen die Ausläufer alter Lavaströme am Fuße des Vulkankegels, auf denen es über ein tief zerfurchtes Gelände steil nach oben geht. Nun wird der Ritt zur Herausforderung für die Pferdeführer, die neben ihren Ponys auf schmalen Graten und durch Schrunden bergauf rennen müssen, um die angeleinten Tiere auf dem rechten Weg zu halten, während die schaukelnden Reiter – die Reiterinnen wären auch hier an erster Stelle zu nennen – krampfhaft nach Halt suchen, um, je nach aktueller Geländebeschaffenheit, nicht vollends nach vorne auf den Pferdehals zu kippen oder nach hinten vom Pferderücken zu rutschen. Die Ponys dagegen lassen sich weder von den ungeschickten Reitern, noch von den rennenden Führern aus dem Konzept bringen und stampfen mal flotter, mal mühsam schnaubend und mit nickenden Köpfen den zerklüfteten Berg hoch.

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Umkehr nach dem Aufritt: Die Reiter dem Bild entflohen, die Pferde geschafft

Bis zu einer „Sammelstelle“ vor der Treppe, die – 240 Stufen – weiter hinauf zum Kraterrand führt. Die Pferde werden von der schwankenden Last befreit und ins Tal zurückgeführt, wo die nächsten Leicht- oder Schwergewichte warten, um auf ihren Rücken gestemmt zu werden. Motorräder werden abgestellt von denen, die es mit einem nicht weniger abenteuerlichen Ritt gewagt haben, ihre Maschinen in weiten Schleifen über holperige Pfade und durch tiefe Gräben bis hier hoch zu treiben. Einige Einheimische haben Getränke zu dem Sammelplatz hochgeschleppt und warten nun, unter Planen einigermaßen windgeschützt und an kleinen Feuerchen sich wärmend, auf durstige Bergbesteiger. Auf der Treppe herrscht dichter Aufstiegs- und Abstiegsverkehr, die Jungen oft leichtfüßig, die Alten häufig kurzatmig; das Überholen aufwärts oder abwärts muss genau kalkuliert werden, so dicht ist die Treppe bevölkert.

Ganze Schulklassen warten in einheitlichen Schuluniformen darauf, dass ihre Lehrer die Treppe für sie freigeben; oder sie waren schon am Kraterrand und legen, bereits auf dem Rückweg, eine längere Erholungspause ein. Und wieder der Rollentausch beim Dokumentieren des Exotischen: Wir weißhäutigen Großen fotografieren die kleinen schwarzhaarigen Mädchen der hinduistischen Schulklasse für interkulturelle Erinnerungen; diese reichen uns ihrerseits ihre Fotoapparate, weil in Gruppenaufnahmen festgehalten werden soll, dass sie am Bromo so merkwürdig anders aussehende Leute getroffen haben. Für beide wird das Zusammentreffen zu einem interkulturellen Erlebnis, zumal wir uns mit Unterstützung der begleitenden Lehrer in einem bruchstückhaften „English for Beginners“ verständigen können.

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Versuch einer interkulturellen Kommunikation

Der Bromo

Und dann stehen wir am Kraterrand des Bromo. Der faucht und raucht und stinkt schwefelig. Am ummauerten Kraterrand haben sich wieder alle versammelt, die den beschwerlichen Treppenaufstieg hinter sich gebracht haben. Das Staunen wird dokumentiert. Man fotografiert in alle Richtungen, kleine Fotokameras an langen Stangen werden hierhin und dahin gereckt, um Selfies vor dramatischem Hintergrund einzufangen. Am Kraterrand entstehen Fotostaus, an denen man sich vorsichtig vorbeischieben muss, denn an dem steil abfallenden und zugleich bröseligen Lavahang besteht Rutschgefahr, und man müsste, einmal ins Schlittern gekommen, eine sehr lange Rutschpartie ungebremst überstehen. Die Rauchwolken, die aus dem Krater aufsteigen, werden durch den Wind, der hier oben bläst, über den Kraterrand hinweg getrieben. Sie geben nur kurze und begrenzte Einblicke in die Tiefe frei.

Der 2329 m hohe Vulkan ist der jüngste Krater des Tengger-Vulkan-Massivs und einer der aktivsten Vulkane auf Java. … Das Bromo-Tengger-Massiv ist Teil einer Vulkankette, die sich entlang des Sundabogens erstreckt. Es handelt sich dabei um Vulkane einer Subduktionszone, welche durch das Absinken der indo-australischen Platte unter die eurasische Platte entlang des Sundagrabens entstanden sind. Das bei diesem Prozess aufsteigende Magma speist die Vulkane dieser Vulkankette, welche sich von den Andamanen über Sumatra und Java bis Osttimor erstreckt“ (Wikipedia: Bromo). Allein in der Tengger-Caldera stehen außer dem Bromo noch fünf weitere Vulkankegel: der Watangan (2514 m), der Batok (2440 m), der Kursi (2581 m), der Widadaren (2601 m) und der Semeru als höchster Vulkan auf Java (3676 m), der majestätisch vor sich hin raucht.

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Die Tengger-Caldera mit dem „rauchenden“ Bromo und dem Semeru im fernen Hintergrund (Wikipedia)

Der Rundblick vom Kraterrand des Bromo ist faszinierend: Hinunter in die Caldera-Sandebene, die vom tiefsitzenden Nebel verhangen ist, der sie aber wenig später in der Sonne leuchtend freigibt, um sie gleich danach wieder zu verhüllen. Hinüber zu den Bergketten in der Ferne, deren Konturen im Nebeldunst verschwimmen, während sie, wenn sich der Dunst vorübergehend verzieht, scharf hervortreten. Hinauf in den Himmel, an dem sich durch die sich verändernde Sonneneinstrahlung wundersame Lichtspiele ereignen.Die weite Ebene drunten hat sich inzwischen belebt. Um die Mauern des hinduistischen Tempels Pura Luhur Poten herum, der am frühen Morgen noch still und einsam im Tal lag, ist hektische Betriebsamkeit ausgebrochen. Die Four-Weelers, welche die Touristen aus allen umlegenden Dörfern hierher gekarrt haben, stehen dicht gedrängt und haben einen Parkplatz im Sandmeer angelegt. Ihre Gäste sind dabei, auf Pferde umzusteigen, die an den Leinen der Pferdehalter zum Besteigen ruhig gestellt werden. Andere Ponys kommen bereits wieder von einer Bromo-Tour zurückgetrabt und scheinen sich zu freuen, dass sie unter den geübten einheimischen Reitern endlich einmal ungebremst loslegen können. Wieder andere trappeln reiterlos kreuz und quer und komplettieren das merkwürdige Bild eines ausufernden Pferdemarktes. Motorräder fahren in alle Richtungen davon oder röhren zum Sammelplatz zurück. Dazwischen wuseln die hier ansässigen Tengger, um dem touristischen Chaos eine undurchsichtige Ordnung zu geben.

Fast noch eindrucksvoller sind die Landschaftsbilder, die sich vom Aussichtspunkt Sruni Point, auftun, der in den Steilabfall der gegenüber liegenden Penanjakan-Bergkette hineingebaut wurde: das weite braune Sandmeer, der dampfende Krater des Bromo neben dem dürftig begrünten Gunung Batok, in der Ferne eine Rauchwolke über dem alles überragenden Kegel des Gunung Semeru. Man muss allerdings Glück haben: Nur selten tut sich ein freier, klarer Blick auf; immer wieder verschmieren durchziehende Nebel das Landschaftsbild und gelegentlich setzen sich Nebelwolken dauerhaft über der Caldera fest, so dass man nur noch erwartungsvoll auf eine Nebelwand starren kann.

Die Tengger

In der Kühle des Morgens erinnern die einheimischen Tengger in ihren Anoraks, Mützen auf dem Kopf und auf ihren Ponys reitend, irgendwie an Bevölkerungsgruppen in den Anden. Aber es handelt sich um eine ethnische Gruppe der javanischen Bevölkerung, die relativ isoliert hier oben in den Tengger-Bergen im Umkreis des Bromo ansässig ist, ungefähr 100 000 Menschen in etwa 30 Dörfern. Sie hängen einer besonderen Variante des Hinduismus an, der mit buddhistischen und animistischen Elementen durchsetzt ist, was damit zusammenhängt, dass sie sich als Nachfahren der legendären Prinzessin Roro Anteng und des Joko Seger verstehen. Der Bromo (Brahma) gilt den Tengger (Tenggeresen) als heiliger Berg, der hinduistische Tempel Pura Luhur Poten im Sandmeer ist Ausgangs- und Endpunkt ihrer jährlichen Berg-Prozession.

„Nach einer Geschichte hat am Ende des 15. Jahrhunderts die Prinzessin Roro Anteng des Majapahit-Imperiums zusammen mit ihrem Ehemann Joko Seger ein eigenes Fürstentum gegründet. Sie nannten es Tengger nach den Endsilben ihrer Namen. Das Fürstentum florierte, aber dem herrschenden Paar war es nicht möglich Nachkommen zu zeugen. So kletterten sie in ihrer Verzweiflung auf den Bromo und beteten zu den Göttern, sie mögen ihnen beistehen. Diese versprachen ihnen zu helfen, unter der Bedingung, ihr letztgeborenes Kind den Göttern zu opfern. Die beiden hatten 24 Kinder und als das 25. und letzte Kind Kesuma geboren wurde, weigerte sich Roro Anteng ihr Kind wie versprochen zu opfern. Die Götter drohten mit Feuer und Schwefel, bis sie schließlich das Kind doch opferte. Nachdem es in den Krater geworfen wurde, befahl die Stimme des Kindes den Einheimischen, jährlich eine Feier am Vulkan abzuhalten. Dieses Kassada genannte Fest wird auch heute noch abgehalten. Es besteht hauptsächlich aus einer nächtlichen Prozession zum Gipfel, wo dann Tiere, Früchte und Reis geopfert werden“ (Wikipedia: Bromo).

Sonntag, 19. Februar 2017: Zur Ostspitze von Java

Wieder ein langer Reisetag

Touristische Programme – gleichgültig, ob von Reiseveranstaltern organisiert oder selbst konzipiert – haben eine Schlagseite: Zu viele Highlights werden in zu kurzer Zeit hintereinandergepackt. Die Konsequenz: Dazwischen müssen lange Strecken zurückgelegt werden, währenddessen erlebnisleere Landschaften vorbeiziehen. Aber auch die Sehenswürdigkeiten selbst bekommt man nur im Überblick oder in ausgewählten Details zu Gesicht. Man müsste mehr Zeit haben oder sich mehr Zeit nehmen, um länger an einem Ort oder in einer Gegend zu verweilen. Nur so könnte es gelingen, sich auf die fremde Umgebung „einzulassen“, um sie aufmerksam zu erkunden und zu entdecken. Wir dagegen rollen – es ist immer noch Sonntag! – im Auto zehn Stunden lang von Tosari in den Bergen nach Ketapang bzw. Banyuwangi an die Ostspitze der Insel Java.

Beta, der uns noch immer begleitet, unterhält uns mit Geschichten aus seinem und aus dem javanischen Leben, wobei seine ironische Distanz zu Land und Leuten erheitert. Wo verbringt er als javanischer Muslim, für den Alkoholgenuss mit einem Bann belegt ist, seinen Urlaub? Auf der „hinduistischen“ Insel Bali, wo Alkoholkonsum erlaubt ist – „beim Saufen“! Und als Javaner, der das komplizierte Javanisch beherrscht, amüsiert er sich ebenfalls über die – in enger Anlehnung an das Malaiische (Bahasa Malaysia) – simpel konstruierte indonesische Amtssprache (Bahasa Indonesia), die dennoch auf vielen Inseln zwar verstanden, aber nicht gesprochen wird, weil die verschiedenartigen Ethnien ihre eigenen Dialekte pflegen (Wikipedia: Malaiische Sprache).

Auch Elizabeth Pisani (2015, S. 140) hat die indonesischen „Sprachprobleme“ durchschaut: „Das Indonesische ist eine lustige Sprache. Wie viele Idiome, die hauptsächlich entstanden sind, um die Verhandlungen auf mehrsprachigen Märkten zu erleichtern, ist das Handels-Malaiisch/Indonesisch sehr einfach. Statt sich zum Beispiel mit Pluralbildungen abzumühen, wird das Substantiv einfach verdoppelt. So heißt anak ‘Kind’, und anak anak ist der Plural: ‘Kinder’. … Zeiten gibt es nicht. Die Indonesier geben Zeitworte in den Satz, um klarzumachen, ob es sich um Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft geht. ‘Ich bezahle dich gestern’, oder: ‘Ich bezahle dich morgen’. Dazu ist es eine sehr vage Sprache, besok, morgen, kann den morgigen Tag meinen, aber auch einen anderen beliebigen Zeitpunkt in der nicht zu fernen Zukunft.

Die frühen Nationalisten wählten des Malaiische als gemeinsame Sprache für die noch zu schaffende Nation, weil es leicht zu lernen und bereits weit verbreitet war, wenigstens im wirtschaftlichen Bereich. Es gab jedoch auch einen klaren politischen Grund: Es war nicht Javanisch.

Die meisten gebildeten Nationalisten [der Sukarno-Ära] sprachen Javanisch, und es wäre ein Leichtes für sie gewesen, ihre Muttersprache zur Sprache der Nation zu machen. Es ist ihnen hoch anzurechnen, dass sie es nicht getan haben. Das Javanische ist höllisch komplex, und wäre es die Nationalsprache geworden, wären die Indonesier der anderen Inseln ständig im Nachteil. …“

Einzige Unterbrechung auf der langen Fahrt im Küstenort Paiton, wo uns Beta in ein Restaurant der besonderen Art führt. Mehrere hochgestelzte und spitzgiebelig überdachte Bambusplattformen stehen am Ufer langer Fischteiche. In die Plattformen sind flache Tische so eingearbeitet, dass der Boden zugleich als Sitzgelegenheit genutzt werden kann, wobei die angewinkelten Beine auf einer umlaufenden Absenkung Platz finden. Eine höchst bequeme Bambuskonstruktion mit Teichblick. Umgeben von einer blühenden Uferbepflanzung aus Hecken und Stauden, so dass man schattig überdacht im Grünen sitzt. Auch die anderen umhausten Tische sind belegt, wir sind aber die einzigen Fremden. Auf einer anderen Plattform, sozusagen am „Nebentisch“, lassen sich Einheimische das Essen schmecken, während ein Junge am Rand der Bambuskonstruktion sitzt und angelt, offenbar wild entschlossen, sich das Mittagsmahl selbst einzufangen. Wir lassen uns gerne Köstlichkeiten à la carte aus der indonesischen Küche servieren.

Weiter Richtung Osten. Ausblicke aufs Meer und auf Hafenanlagen, wo dicke schwarze Kohleschiffe (?) ankern.

Homestay in Banyuwangi

Im Internet haben Monika und Rike eine Unterkunft in Banyuwangi ausfindig gemacht und gebucht: ein „Homestay“ als indonesische Variante des englischen „Bed and Breakfast“. Es ist bereits Nacht, als wir in „Didu’s Homestay“ ankommen, wo wir uns von Beta und dem Fahrer verabschieden, nachdem sie uns mit dem Navi durch das ungewisse Straßenwirrwarr hierher gelotst haben. Sicherlich froh, dass sie uns nun endlich abladen und ihr eigenes Ding machen können. Beta will hier bei einem Bekannten übernachten, der Fahrer will gleich anschließend wieder nach Yogya zurückfahren (was man nach der langen Fahrerei nicht zu glauben vermag).

Maia und Didu, ein junges Ehepaar, dem das Homestay gehört, nehmen uns mit der immer wieder überraschenden fröhlichen Gastfreundlichkeit im Empfang und zeigen uns die Räumlichkeiten für diese eine Nacht. Hinter dem verschachtelten Wohnhaus öffnet sich ein wuchernder Garten, der wohl nur mit Mühe in Zaum gehalten werden kann. Dort stehen vier oder fünf spitzgiebelige Holzhütten, die den Gästen bequemen Unterschlupf bieten. Mit jeweils einem Schlafraum und einer Dusche im überdachten Freien, ebenso liebevoll wie praktisch eingerichtet. Gemütlichkeit hinter hölzernen Fensterläden. Vorm Häuschen eine kleine Holzterrasse mit zwei Holzstühlen; auf dem kleinen hölzernen Schild am Stützpfeiler der Terrasse künden bereits unsere Namen, handschriftlich ge- und verzeichnet, von den nun einziehenden Übernachtungsgästen. Die anderen Holzhütten sind bereits belegt. In der Mitte des Gartens steht eine breite überdachte Terrassenplattform, auf der man sich in Sesseln oder in einer Hängematte entspannen kann, zwischen Bücherregalen mit Reiseliteratur, Wandkarten, auf denen die landschaftlichen Schönheiten der Umgebung zum Erkunden einladen, und allerlei gesammelten Gebrauchsgegenständen. Wir sacken nach der langen Fahrt gerne ab, …

… um die heimelig arrangierte Gartenanlage am nächsten Morgen bei Tageslicht zu genießen. Frühstück an einem größeren „Gruppentisch“ neben der überdachten Küchenzeile. Dort bereiten sich die Gäste ihren Kaffee oder Tee selbst zu. Das süße Frühstück – Bananenkuchen mit Obst und Papayasaft – wird serviert. Das anschließende Geschirrspülen bleibt wieder den Gästen überlassen. Homestay! Außer uns Vieren sitzen da noch zwei junge Leute, die heute zu einer Vulkantour aufbrechen wollen. Mit einem älteren Ehepaar aus Holland kommen wir ins Gespräch, die uns sehr ausführlich von ihrer Bali-Reise berichten. Um uns herum gackern Hühner, die plötzlich alle in eine Richtung rennen, weil vor einem Nebengebäude Körner ausgestreut werden, was sie zu hektischem Picken veranlasst. Dagegen durchschreiten die drei Gänse gelassen ihr Gartenareal, um sich vor­übergehend mal hier, mal da an einem sonnigen Plätzchen abzulegen. Schmetterlinge schweben und flattern zwischen den blühenden Sträuchern.

Ein Ort, an dem man gerne länger bleiben würde. Zumal wir wieder eine Region viel zu schnell verlassen, die am östlichsten Inselzipfel noch einmal mit Naturschönheiten prahlen soll. In dem riesigen Ijen-Merapi-Malang-Reservat erheben sich auf dem Ijen-Plateau gleich mehrere Vulkankegel, von denen der höchste, der Gunung Raung, sogar die 3000-Meter-Höhenmarke durchbricht (3332 m). Ein besonders eindrucksvolles Bild muss der Kawah Ijen bieten, ein intensiv blaugrüner Kratersee, an dessen südöstlichem Ufer heiße Fumarolen dampfen, und wo bis zu acht Meter hohe gelbe Schwefelbänke abgelagert wurden (Wikipedia: Ijen). Im Norden schließt sich der Baluran Nationalpark an, der durch eine andersartige landschaftliche Vielfalt ins Abenteuer lockt: tropischer Regenwald, Mangrovenwälder, Süßwassersümpfe, aber auch Savannenlandschaft, und in der Mitte der Gunung Bauran, ein weiterer Vulkankegel.

Bali im Blick

Aber wir müssen aufbrechen, weil die Fähre von Ketapang nach Bali übersetzt. Lächelnde Gastfreundschaft: Selbstverständlich ruft Maia sicherheitshalber noch einmal in unserem Hotel in Pemuteran an, um sich für uns nach der Buchungsbestätigung zu erkundigen. Wir brauchen gar nicht nachzufragen, selbstverständlich bringt uns Didu mit seinem großen Pickup zur Fähre, selbstverständlich zeigt er uns, wo wir wie Tickets bekommen.

Und schließlich kommt die Fähre auch, um die zahlreich wartenden Menschen, Motorroller und Autos aufzunehmen.

 

Bali

Montag, 20. Februar 2017: Ankunft auf Bali

Entspannen

Die Fährverbindung zwischen dem ostjavanischen Ketapang und dem westbalinesischen Gilimanuk ist die kürzeste zwischen den beiden Inseln. Nach einer knapp einstündigen, geruhsamen Wasserfahrt unter einem wolkenlosen Himmel legt die Fähre im Hafen von Gilmanuk an. Dort erwartet uns bereits der angekündigte Fahrer des vorab gebuchten Hotels, der uns nach Pemuteran bringt. Noch einmal eine Stunde lang durchqueren wir mit ihm zügig Landschaften, in die man eigentlich hineinwandern möchte, um die Pflanzen- und Tierwelten, die sich in ihnen verbergen, genauer zu erkunden – wie etwa die Korallengärten und Schildkrötenstrände entlang der Küste, aber auch der ganze Bali Barat-Nationalpark, wo der endemische Balistar (Leucopsar rothschildi) herumfliegen soll, in schneeweißem Gefieder mit schwarzen Schwanz- und Flügelspitzen und einem weißen Federschopf, eine gerade einmal 25 cm große ornithologische Rarität.

Da wir aber Bali ganz entspannt angehen wollen, haben uns unsere „Girls“ für ein paar Tage im „Taman Sari Resort“ in Pemuteran angemeldet, das im Internet (www.tamansari.com) luxuriöse Erholung mit Strandleben verspricht. (Allein mir stellt sich zunächst die Frage, wie ich diese angeblich entspannenden Tage entspannt überstehen kann.) Der Fahrer des Hotel führt uns schon während der Fahrt alle Annehmlichkeiten des Resorts vor Augen, einschließlich aller möglichen und höchst interessanten Ausflüge, die, vom Hotel organisiert, in die Umgebung unternommen werden können.

Dann biegen wir in Pemuteran von der Haupt- und Durchgangsstraße in ein Stichsträßchen ab, an dessen Ende der imposante Felsblock steht, der den Eingang zum „Taman Sari Resort & Spa“ markiert.

Das „Taman Sari Resort & Spa“

Auf einem als Park angelegten Gelände stehen teils ansehnliche, teils ausgesprochen attraktive (Doppel-)Bungalows mit komfortablen, blumengepflanzten Terrassen, eingedeckt mit übereinander geschichteten Bündeln von Palmblättern, dreiseitig eingefasst von hohen tropischen Sträuchern. Die dezent bemalten Holztüren, an denen dicke Bügelschlösser hängen, öffnen sich in einen großzügig eingerichteten Wohn-Schlaf-Raum. Naturmaterialien bestimmen das Design im Inneren, auf­gefrischt durch das eine oder andere moderne Accessoire. Eine weitere Tür führt „hinaus“ ins Bad, d.h., in einen mit Kieseln und Trittplatten belegten ummauerten Bereich im Freien, der von Pflanzen überragt wird, die Dusche neben einem ausladenden Frangipani-Baum. Es gibt auch noch großräumiger und komfortabler ausgestattete Bungalows, bei denen sich an die Terrasse eine beschattete hölzerne Liegefläche im Freien anschließt, die von einer schmalen Wasserfläche und einem blickschützenden Pflanzengürtel umschlossen wird – als Einladung zur Siesta.

Der Park stellt sich als ein wohlgeordnetes Wellness-Areal im Grünen dar: kurzgemähte Wiesenflächen zwischen schattenspendendem Baumbestand, sonnengewärmte Swimmingpools, Massageräume (die drei anderen schwärmen von den stundenlangen Massagen, die sie sich jeden Tag gönnen), eine Station mit Tauch- und Schnorchelgeräten, eine Eisbude, ein Rondell mit einer Bar zum Abhängen zwischendurch. Eine mehrköpfige Schar von Gärtnern beginnt schon am frühen Morgen, die Pflanzenwelt des Parks im Zaun zu halten. Auch noch die letzte Blüte und das letzte Blatt wird vom Rasen gespießt, bevor sich die Bäume gleich danach weiter entladen, was irgendwie an Sisyphos erinnert. Einem der Gardeners folgt seine Freundin auf Schritt und Tritt: Eine langhalsige kleine Gans scheint seine Arbeit zu kontrollieren und übersehene Reste wegzupicken. Später erst beginnt das Blütenpflücken. Mit Körben rückt das Hotelpersonal aus, um die weißen und gelben Frangipani-Blüten und allerlei Rotblühendes von den Bäumen und Sträuchern zu sammeln. Am Morgen wird der kleine hinduistische Alter in einer Baumgabel mit Blütengaben bestückt; am späten Nachmittag werden die Gästebetten mit den Blüten dekoriert.

„Taman Sari“ – der Blütengarten. „The concept of Tri Hita Karana“: „The harmonious relationship between Humans and God, Nature and Society.“ Nicht so ganz abwegig, wenn man sich umschaut.

Das Bestuhlung des großen Restaurants zieht sich über mehrere Ebenen, von einer überdachten Plattform, die sich an den Küchentrakt anschließt und auf der ein internationales Frühstücksbuffet den Urlaubsmorgen einleitet, bis hin zu den am Sandstrand verteilten Tischen, an denen abends romantische Zweisamkeit Platz nehmen kann – bei Kerzenschein und mit Blick aufs Meer. Letztere könnte höchstens beeinträchtigt werden durch die Zwei-Mann-Gamelan-Band, die an- und abschwellende, in jedem Fall gewöhnungsbedürftige Melodien und Rhythmen wild in die Nacht hinein klöppelt. Aber vermutlich kann selbst die gegenläufige Gamelan-Musik die innere Harmonie romantischer Zweisamkeit nicht stören, im Gegenteil, sie setzt wohl nur einen zusätzlichen exotischen Akzent. (Ist das Paar, das über die bauchigen Rotwein-Gläser hinweg in ein lauschiges Gespräch verwickelt ist, wohl der Vater mit seiner Tochter oder ein gutaussehender älterer Chefarzt, der seine blutjunge Sekretärin gerade zum wiederholten Male erotisch verführen will? Oder wird nur mein eigener Kopf durch die romantische Strandabendstimmung gelegentlich vernebelt?)

Das zahlreiche Hotelpersonal ist vom frühen Morgen bis in den späten Abend hinein von ausgesuchter Höflichkeit. Die lächelnde Aufmerksamkeit erweckt den Eindruck, als würden alle nur darauf warten, jedem einzelnen Gast noch einen Wunsch, auch noch den allerletzten, erfüllen zu dürfen. Das gilt für die jungen Praktikantinnen ebenso wie für die gestandenen männlichen „Ober“. Die Gäste werden schon beim Frühstück aufs Freundlichste umsorgt und noch am Abend auch an den weiter abgelegenen Tischen mit Aufmerksamkeit bedacht. (Es bleibt nicht aus, dass ich mich an die Stoffeligkeit jener erinnere, die in den Gaststätten der Nach-Wende-Zeit im Brandenburgischen ihren Dienst so missgelaunt ableisteten, dass jeder Gast das Gefühl hatte, unerwünscht zu sein. Dagegen scheint den Balinesen Gastfreundlichkeit geradezu angeboren zu sein. Was so natürlich nicht stimmt, sie haben sie über ihre kulturelle Sozialisation erlernt – die einen wie die anderen).

Die am Strand entlang aufgereihten Liegen laden zum Relaxen ein. Etwa beim Betrachten des „unendlichen“ Meeres, das sich vor dem Strand ausbreitet, der nahegelegenen Berge, über denen sich nachmittags nicht selten dunkle Gewitterwolken aufbauen, oder auch beim Verfolgen der Schnorchel, die manchmal bewegungslos über der Wasseroberfläche stehen, dann wieder unvorhersehbare Richtungswechsel vollziehen je nachdem, welche bunten Fische unterwasser welche Bahnen ziehen. Viele Strandlieger entspannen sich mit ihrer Lektüre, die sie nur aus der Hand legen, um sich gelegentlich im Wasser zu erfrischen, wobei nicht nur Badenixen und Sixpacks ab- und wieder auftauchen, sondern auch durchaus volumige Körper unterschiedlicher Alterskategorien. Und dann gibt es auch noch jene, die sich ihrem Bräunungsakt in der prallen Sonne hingeben und ihre Körperteile so systematisch auslegen, dass auch wirklich alle optimal Sonne abbekommen. Der bzw. die eine oder andere hat’s allerdings übertrieben und wird nun in den nächsten Tagen krebsrot vor sich leiden müssen. Die Temperaturen treiben selbst die Hunde in den Schatten der Bäume; die Weißfelligen sind im Nachteil: Gegen Abend haben sie sich in ein sandiges Gelbbraun eingefärbt.

Mittwoch, 22. Februar 2017: Abwechslungen

Strandspaziergänge

In die eine Richtung stapfe ich über ausgewaschene Korallenbänke und entlang eines sandigen Uferstreifens, der über und über mit abgebrochenen Korallenstücken und kleinen Muschel- und Schneckengehäusen bedeckt ist. Ich klaube auf und erfreue mich an den vielzähligen Farb- und Gehäusevarianten. Es gibt sie in Mützen-, Ohr-, Kegel-, Birnen-, Schrauben-, Spindel-, Keulen-, Tonnen-, Ei-, Diskus-, Fächer-, Dreiecks-, Kahn- und noch anderen Formen. Evolutionärer Überfluss! Im Wasser liegen auch einige nicht ganz so riesige Riesenmuscheln, die aber aufgrund ihrer dickwandigen weißen Schalen durchaus Gewicht haben.

Ich komme an einer weiteren Bungalow-Anlage vorbei, die aber offenbar unbewohnt ist. Low Season? Etwas weiter ein moderner, in Glas gefasster zweistöckiger Rundbau auf einem weitläufigen, gepflegten Wiesenareal, Vorhänge wehen in offenen Glasschiebetüren. Ist das ein Hotel oder eine grandiose Privatvilla? Ein geschmückter Hindutempel am Ufer hütet das Areal, das nicht betreten werden darf. Am Ufer breiten sich kleinere Wiesenflächen zwischen Strauchbewuchs aus, auf denen „schmucke“ gelbbraune Rinder mit ihren Kälbern weiden. Sind das wohl „Balirinder“, eine domestizierte Form der bedrohten wilden Bantengs? Noch ein Stück weiter treffe ich auf einige verstreut liegende, ärmliche Hütten; davor Fischerboote, die auf den sandigen Uferstreifen gezogen wurden. Junge Männer hocken im Schatten von Bäumen und scheinen sich zu langweilen oder auf besseren Segelwind zu warten.

Schließlich endet der Sandstrand. Ein steilerer Küstenabschnitt, an dem das Wasser über Fels- und Korallenblöcke schwappt, bremst das Weiterkommen aus. Ein schmaler Pfad führt bergauf, und mitten in der „Wildnis“ stoße ich auf einen Hindu-Tempel, der einen weiten Blick übers Meer freigibt.

In die andere Richtung hat sich der Ort bis an die Küste vorgeschoben. Man kommt an weiteren Hotelanlagen unterschiedlicher Kategorien vorbei, einige noch im Zustand einer Grundsanierung bis zur Eröffnung in der High Season, in anderen haben bereits die ersten Gäste eingecheckt. Dazwischen breitet sich ein dörfliches Pemuteran mit seinen einfachen Fischerhäuschen bis an den Strand hin aus. Ein Souvenirshop, in dem neben Kunsthandwerklichem auch schöne Riesenmuscheln zum Verkauf angeboten werden (denen Wilfried und ich nicht widerstehen können, zumal sie umgerechnet nur drei oder vier Euro kosten). Fischerboote liegen vertäut, Müll liegt verstreut. Abwässer werden über dicke Rohre ohne Hemmungen ins Meer geleitet, so dass die Wasserqualität sichtbar in Mitleidenschaft gezogen wird: An einem überirdischen Abfluss schäumt eine bräunliche Brühe, bevor sie den Weg zum Meerwasser findet.

Die Leute werkeln sich irgendwie durch den Tag, den Spaziergängern bleibt aber verborgen, was da eigentlich gewerkelt wird – es sieht nach Aufräumen und Säubern aus –, welche Alltagsgeschäfte betrieben werden und womit die Leute ihren Lebensunterhalt bestreiten. Jugendliche hängen ab. Der sandige Uferstreifen wird von den Einheimischen als Badestrand genutzt. Nackte Kinder spielen im Wasser, eine ausgefranste Styropor-Platte dient als Miniatur-Surfbrett. Wir spazieren durch eine andere Lebenswelt.

Eine Radtour

Wer per Rad von der Durchgangsstraße in Richtung Berge und Hügel einbiegt, bekommt ein weiteres Pemuteran zu Gesicht. Die schmalen Seitengässchen laufen alle irgendwo im Waldgebiet aus, nur Fußpfade schlängeln sich weiter die Hügel hinauf. Die Gassen werden von ordentlich hergerichteten Häusern begrenzt, die allermeisten in Stein gesetzt und verputzt. Jedes geschützt durch einen geschmückten Hindu-Altar, von denen manche fast die Ausmaße des dazugehörigen Hauses erreichen. Aber der Eindruck demonstrativer Frömmigkeit dürfte täuschen, die tägliche Darbringung von Opfergaben spricht eher für einen tiefen Glauben an den Schutz der Götter. Überall wird der Vorbeiradelnde mit Winken (auch wenn gelegentlich nur eine Hand gehoben wird) und einem fröhlich klingenden „Hallo!“ begrüßt.

Auch das Singen, das aus einem flachen Gebäude schallt, klingt fröhlich und vor allem laut. Ich steige vom Rad, werde zum Eintreten eingeladen und stehe unversehens vor etwa 30 einheitlich eingekleideten Kindergartenkindern, einheitlich schwarzhaarig, die Mädchen mit geflochtenen Zöpfen. Kurzzeitiges Innenhalten, währenddessen 30 dunkle Augenpaare den weißhäutigen und fast glatzköpfigen Fremden mustern. Dann gibt eine der beiden Lehrerinnen das Zeichen, alle dürfen aufstehen und 30 große Münder und kleine Körper legen mit großer Begeisterung los: „Head and shoulders, knees and toes … .“ Und nicht weniger lautstark wird die englische Zahlenreihe (zumindest bis „ten“) von den kleinen Dötzen hinausgeschmettert. Dann tönt es balinesisch. Ich stehe strahlend und klatsche Beifall und weiß nicht, wie und wann ich mich wieder mit gebotener Herzlichkeit verabschieden darf. Denn selbst die beiden Lehrerinnen, von der Begeisterung ihrer Schützlinge ganz offensichtlich angesteckt, scheinen sich über den unerwarteten Besuch so sehr zu freuen, dass sie mit der „Schülervorführung“ nicht aufhören wollen. Also noch einmal „Head and shoulders“ und abermals die Zahlenreihe, jetzt sogar bis „twenty“. (Wenn ich melodiensicher singen könnte, hätte ich meinen Abgang angemessen inszeniert: Winkend „Hoch auf dem gelben Wagen sitz’ ich beim Kutscher vorn …“ – oder so ähnlich. Was hätten die Kinder gestaunt!)

Auf dem Rückweg kommen mir die älteren Mädchen und Jungen in ihren Schuluniformen entgegen. Ende des Unterrichts, auf Motorrollern geht es fröhlich nach Hause. Nur wenige sind in kleinen Gruppen zu Fuß auf dem Heimweg, man hat sich offenbar viel zu erzählen. (Mussten die Handys n diesem Fall zu Hause bleiben?)

Die beiden „Girls“ kommen von einem Bootsausflug zurück. Ihre Begeisterung über die Pracht der Korallenriffe und die Farbenpracht der Fische kennt keine Grenzen – wie von Landmenschen nicht anders zu erwarten.

Allerseits rechtzeitige Rückkehr zum Hotel, denn mächtige dunkle Gewitterwolken brauen sich über den Bergen zusammen. Und dann schleudern alle balinesischen Götter gemeinsam Blitz und Donner in einen gewaltigen Platzregen hinein. Der Strand und die Hotelanlage liegen wie leergefegt. Erst gegen Abend bleibt vom Regen nur noch ein schwaches Nieseln, so dass wir uns in einem nahegelegenen Warung für den nächsten Tag stärken können.

Donnerstag, 23. Februar 2017: Ausflug in den Regenwald

Rike ist unruhig, weil sie die Weiberfastnacht zu Hause versäumt, wo die Chorfreundinnen das eine oder andere Fläschchen in gar fröhlicher Runde leeren. Sie sehnt sich den Abend herbei, um im fernen „Blütengarten“ wenigstens mental mit ihnen anstoßen zu können. Es ist spätabends, als wir im Hotel gemeinsam mit ihr die Gläser zum Gedenken erheben.

Am Morgen brechen wir erst noch zu einer Wanderung in den Regenwald auf. Vom Hotel organisiert, in kleiner Gruppe, Wilfried muss verzichten, weil ihn sein Rücken so sehr plagt, dass ihm das Gehen schwerfällt. Stattdessen hat sich ein französischer Gast angeschlossen. Irgendwo in der Nähe werden wir von einer Gruppe von vier jüngeren Männern in Empfang genommen, die sich als unsere Führer outen und uns mit Wanderstöcken ausstatten. Wozu? Es handelt sich um Mitglieder einer erst jüngst gegründeten örtlichen Initiative, die sich die „schützende“ touristische Erschließung des Regenwaldes zum Ziel gesetzt hat (wenn ich den Anführer richtig verstanden habe).

Auf verschlungenen Pfaden dringen wir Vier-plus-Vier in die Feuchtigkeit ein. Regenwald! Die Bodenpflanzen, Sträucher und Bäume scheinen die Nässe des gestrigen Platzregens aufgesogen und gespeichert zu haben. Der Pfad ist glitschig, führt durch Wasserlöcher, die über Rundhölzer gequert werden müssen. Unsere Hosenbeine sind schon nass. An manchen Stellen geht es steil aufwärts und ebenso steil wieder hinab in eine Senke. Rutschgefahr! Nun haben auch wir es begriffen: Die roh zurechtgeschnittenen Wanderstöcke tun ausgesprochen gute Dienste. Wir schlagen uns weiter durchs Gebüsch und gewinnen Höhenmeter. Es beginnt zu rauschen. Wir müssen einen Bachlauf überqueren und versuchen es das erste Mal trockenen Fußes, stockbewehrt und von den Führern an die Hand genommen, wobei uns außerdem klar wird, weshalb wir von gleich vier Helfern begleitet werden. Bei der zweiten und dritten Querung ist der Bach wilder, und wir werden gleichgültiger: Auf Felsbrocken Halt suchend geht’s möglichst trittsicher durchs Wasser, wenngleich die Helferhände dennoch gerne angenommen werden. Dünne schwarze Plastikrohrleitungen ziehen sich durch das Waldgebiet: Jedes Haus im Dorf zapft hier oben das quellklare Wasser an. Eine „natürliche Wasserversorgung“.

Der gut ausgetretene Pfad steigt weiter an, wir steigen über Wurzelwerk, bestaunen die dicken segelförmigen Brettwurzeln, mit denen sich die riesigen Bäume abstützen, Lianengewächse schlingen sich nicht nur die Bäume hinauf und herunter, sondern bilden auch am Boden merkwürdige kreisförmige Gebilde, ein „Mondtor“ aus Wurzelgeflecht. Runde, traubenförmige Früchte, die unmittelbar aus Baumstämmen herauswachsen. Und schließlich stehen wir staunend vor einem Wasserfall, der zweistufig von weit oben aus der Helligkeit herabfällt. Gut gestiefelt und seilgesichert kann man einen felsigen Steilhang bis zur ersten Stufe hinaufklettern. Ein glasklares, opalisierendes Wasserbecken, das vom frei fallenden Wasser der letzten Stufe ständig nachgefüllt wird. Riesige Pflanzen klammern sich am Hang fest. Einige Minuten fühlen wir uns – der Franzose und ich – als echte Abenteurer. Dann steigen und rutschen wir gemsengleich – oder doch eher vor- und umsichtig – wieder nach unten und lassen uns von den beiden zurückgebliebenen Frauen ob unseres Wagemutes bewundern.

 

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Abenteuer im Regenwald

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Wurzelwerk

Auf der Wanderung zurück kann uns nun kein wilder Bachlauf mehr erschrecken, (beinahe) gelassen steigen wir durch die Fluten, marschieren einen Kanal entlang in Richtung Dorf, legen einen letzten Halt für ein Fotoshooting am Unterlauf des Wildbaches ein, bestaunen eine blaue Schmetterlingswolke über einer Kiesbank, die sich schnell in einzelne blaue Punkte auflöst, und trudeln schließlich einigermaßen beinlahm und durstig in einem Dorf ein (dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe). Ein Haus am Dorfeingang fungiert als „Gaststätte“, die „Hausfrau“ kennt die dürs­tenden Wanderer und versorgt uns alle mit Kokosnüssen, so dass wir uns zusammen mit der Führungsmannschaft mit kühlem Kokossaft erfrischen können. Bilanzierung der blauen Flecken, die frau sich bei der einen oder anderen Rutschpartie eingefangen hat. Dank an die „Wirtin“, Verabschiedung von den Guides. Vom charmanten Franzosen gibt’s jeweils eine Blume ins Haar der etwas zerzauselten Damen, was bei denen erwähnenswert gut ankommt. Dann bringt uns das Hotelauto zurück.

Am Abend treffen wir den Franzosen in „unserem“ Warung wieder; zufällig, denn an dem Stichsträßchen zum „Taman Sari Ressort & Spa“ gibt es mehrere gemütliche Warungs, in denen sich die Hotelgäste zu einem preisgünstigen Abendessen niederlassen können. Heute Abend kommen neben indonesischen Speisen auch interessante Lebensgeschichten und Reiseerlebnisse auf den Tisch. Denn der Franzose aus der Bourgogne – 54 Jahre alt, Studium der Sozialpädagogik, Lehrer, sportlich durchtrainiert: Radfahren, Schwimmen, Klettern, Judo – ist schon weit in der Welt herumgereist, und er erzählt gerne und unterhaltsam.

Wir erkundigen uns nach einer Fahrgelegenheit nach Munduk ins Bergige. Der Chef des Warung kann uns helfen: Einer seiner Freunde wird uns übermorgen dorthin bringen.

Samstag, 25. Februar 2017: Ins Landesinnere

Beta auf Java, Putu auf Bali – kundige Fahrer sind ein unschätzbarer Gewinn für unkundige Reisende. Putu kennt sich bestens aus, erzählt über die Landschaft, durch die wir cruisen, kennt jeden Baum, der Beachtung verdient – Teak, Mango, Kakao, Nelken u.a.m. –, und hält an jedem Ort, den er, durchweg zutreffend, für sehenswert erachtet.

Etwa kurz vor Munduk, wo uns Putu in ein Café führt, in dem Tee- und Kaffee-Spezialitäten aus der eigenen Produktion zum Verkosten angeboten werden. Bei den einen wie bei den anderen gibt’s Geschmacksvarianten bis zum nicht mehr Unterscheidbaren. Und man muss schon ein Kenner in Sachen Kaffeeherstellung sein, um dem ganz besonderen Geschmack des Kopi Luwak („erdig“, „schokoladig“) jene Wertschätzung beizumessen, die ihm gebührt, nachdem die Bohnen erst einmal den Darmtrakt der Fleckenmusangs (Paradoxurus hermaphroditus) durchwandert haben.

Der Fleckenmusang, der zu den Schleichkatzen gehört, ist den Kirschen des Kaffeebaums besonders zugetan (www: Kopi Luwak). Von den Kaffeefrüchten kann er aber nur das Fruchtfleisch verdauen, die Bohnen werden wieder ausgeschieden. Das Exkret wird von den Einheimischen eingesammelt. Dabei hilft dem Kundigen, dass die Schleichkatzen immer wieder an der gleichen Stelle ihr ‘Katzenklo’ aufsuchen. Die Bohnen werden gewaschen und leicht geröstet. Im Darm dieses Tieres sind die Kaffeekirschen einer Nassfermentation durch Enzyme ausgesetzt, welche die Geschmackseigenschaften ändert: es entsteht ein dunkles und volles, aber auch etwas ‘muffiges’ Aroma.“

Die Verlockungen des Marktes gehen aber auch in diesem Fall zu Lasten der bemitleidenswerten Tiere: „Der hohe Preis verleitet die Einheimischen dazu, die für die Produktion des ‘Katzenkaffees’ unerlässlichen Schleichkatzen zu fangen und mit Kaffeekirschen zu füttern. Nach Angaben von Tierschutzorganisationen werden dabei inzwischen Zehntausende von Tieren äußerst beengt in Käfigbatterien gehalten, wo sie fast ausschließlich und nicht artgerecht mit Kaffeekirschen ernährt werden.“ Die PETA-Organisation: Massentierhaltung unter „tierquälerischen Bedingungen“ (vgl. www: Fleckenmusang bzw. Schleichkatzen).

Zunächst aber fahren wir noch viele Kilometer auf der nördlichen Küstenstraße bis nach Seririt, wo unsere Strecke nach Süden abzweigt, bevor bei Mayong eine „Nebenstraße“ ins Bergland hinauf ansteigt. Zielort: Munduk.

Da hat uns Putu schon längst auch über die balinesische Namensgebung aufgeklärt, denn auf der Insel heißen alle irgendwie gleich: Das Erstgeborene heißt „Putu“ (der Enkel) oder „Wayan“ (das Älteste) oder „Gede“ (das Größte) oder nur für Mädchen „Luh“ (die Blume oder das kleine Mädchen). Das Zweitgeborene wird „Made“ oder „Nengah“ (in der Mitte) oder „Kadek“ (das Zweite) genannt. Für das dritte Kind gibt es die Wahl zwischen „Nyoman“ (das Jüngste) oder „Komang“ (Baby). Folgt ein viertes, heißt es „Ketut“ (das Folgende). Und beim fünften geht es wieder von vorne los. Dabei werden Geschlechterunterschiede durch ein vor den Namen gesetztes „I“ (männlich) bzw. „Ni“ (weiblich) gekennzeichnet. Wir fahren also mit I Putu, dem Erstgeborenen, der aber aus unserer Sicht noch ziemlich jung ist.

Sonntag, 26. Februar 2017: In der Umgebung von Munduk

Das Hotel in den Reisterrassen

In Munduk erwartet uns, den googelnden Begleiterinnen sei Dank, ein weiteres Highlight: Das „Sanak Retreat Bali“ (www: sanakbali.com), das inmitten von grünen Reisenfeldern liegt, der Horizont in der Ferne von bergigen Höhenzügen begrenzt. Eine Hotelanlage, die sich in ein- bzw. zweistöckigen, spitzgiebeligen Holzhäusern über einen leichten Hang verstreut. Von den Terrassen aus kann man jenen Blick hinaus in die faszinierende und zugleich beruhigende Landschaft genießen. Dunkel gebeiztes Holz und Naturmaterialien dominieren das Innere der geschmackvoll eingerichteten Räume, alte Metall-Reisekoffer als Nachttische, das schmale Bad modern durchgestylt, schwarze steinerne Waschbecken als Genuss für das Auge, die Regendusche als Genuss für den ganzen Körper. Nicht weniger attraktiv ist das Restaurant mit seiner ausladenden Terrasse, auf der die Gäste vom Frühstück bis zum Abendessen bewirtet werden, seitlich eingefasst durch hochgewachsene Pflanzen aus denen die imponierenden rotgelbe Hummerscheren (Heliconia rostrata) heraushängen und rotblühende Ingwerlilien bzw. Alpinien (Alpinia purpurata) emporwachsen. Ein Bachlauf umspielt das Haus. Vor der Restaurant-Terrasse liegt der Swimmingpool, der von einem steinernen Gamelan-Orchester besetzt und von Sonnenliegen umlagert ist, über denen balinesische Baldachine Schatten spenden. Und darüber hinweg bleibt der Blick in der faszinierenden Landschaft hängen.

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Bei Munduk: Das Hotel in den Reisterrassen

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Geschmack hatten sie, der Franzose aus Singapore und der Malaie, die dieses Areal vor drei Jahren gekauft und die Hotelanlage gebaut haben. So erzählt der Hotelmanager, der aus dem oberschwäbischen Memmingen stammt und hier einen attraktiven „alternativen“ Arbeitsplatz gefunden hat. Und wir rutschen schon am ersten Abend ins Romantisieren ab, als sich die letzten rosanen Wolkenschleier eindunkeln, die grünen Reisfelder sich ins Gräuliche einfärben, die fernen Hügel sich zunächst in Grauschattierungen voneinander abheben, um dann scharfe dunkle Konturen vor dem noch helleren Himmel abzuzeichnen, bis schließlich die ganze Landschaft im Dunkel versinkt. Das umgekehrte Schauspiel bringt uns am nächsten Morgen abermals ins Schwärmen, wenn erst die Spitzen der Hügelketten sonnenbeschienen hervortreten, bevor die Berge im morgendlichen Dunst verschwimmen, bevor die Reisfelder wieder in hellem Grün aufleuchten und die Sonne schließlich auch das Gamelan-Orchester am Pool erwärmt: erst den Flötenspieler, dann den Trommler, dann den Klöppler, dann die gesamte Fünf-Mann-Combo. Wir haben die Auswahl: Frühstück in der Sonne oder lieber beschattet … .

Eine Wanderung durch die Reisfelder

Die Tour durch die Reisfelder in Begleitung eines Guides – wahrscheinlich heißt er „Putu“! – wurde vom Hotel arrangiert. Das Etikett „Adventure-Tour“ lässt sehr unterschiedliche Auslegungen zu. Wir wandern auf den schmalen Buckelpfaden, welche die Wasserflächen mit den Reispflänzchen voneinander trennen, kreuz und quer durch die umliegenden Reisfelder, notgedrungen im Gänsemarsch. Der einheimische Guide marschiert kurzbehost voraus oder, wenn die Richtung stimmt, hinterdrein; von Beruf Friseur, die Führungen als Nebenverdienst für die Familie mit zwei Töchtern, die offenbar nicht im Überfluss lebt.

Im Tal zwischen Munduk und Gesing liegen zahlreiche Reisterrassen, die noch weitgehend manuell bewirtschaftet werden und eine malerische Kulisse abgeben: Das romantische Bali, wie man es aus den Bildern von Walter Spies kennt“ (www: Munduk). Die meisten Felder sind bepflanzt, die hellgrünen Pflänzchen müssen noch wachsen. Nur ein einzelner Reisbauer wühlt sich noch mit einem völlig verdreckten Maschinenpflug durch ein verschlammtes Stück Land. An langen Seilen sind Wimpel, Palmwedel und anderes Flatterndes festgemacht, mit denen wohl die Vögel von den Feldern vertrieben werden sollen. Manche haben sogar Spezialkonstruktionen angefertigt, bei denen die Wimpelseile an einem Ende über eine Rolle laufen, so dass sie auf der anderen Seite von Hand hin- und hergezogen werden können, um die festgebundenen Flatterteile in Bewegung zu setzen.

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Reisfeld-Pflege

Wir kommen an einem völlig abgelegenen Dorf vorbei, das nur über eine für uns unerfindliche Piste zu erreichen und vermutlich auf keiner Karte verzeichnet ist. Reisbauern? Familien helfen sich gegenseitig beim Häuslebauen. Durch einen anderen Ort führt eine geteerte Straße einen Bachlauf entlang, der sich in eine kleine Schlucht hinuntergegraben hat. In der Nähe ein Warung: Kaffee- bzw. Cola-Pause.

Ziel unseres „Abenteuer-Wanderns“: der Melanting-Wasserfall in Munduk (wenn ich den Guide richtig verstanden habe, denn in der Umgebung des Ortes stürzen einige Wasserfälle in die Tiefe). Ein Schlängelpfad führt durch lichten Baumbestand, der sich zunehmend zu einem Waldgebiet verdichtet. Es wird feuchter, der Pfad schlüpfriger, im Zick-Zack geht es über rutschige Steinstufen steil bergab. Es rauscht vielversprechend. Dann stehen wir vor so etwas wie einem verrotteten Eingangstor, das links und rechts von zwei kleinen Hindu-Altären markiert wird, an denen der Guide einige Bonbons „opfert“. Dahinter eine gemauerte Treppe, die ehedem zu einem Wildbach hinunterführte, nun aber, zur Überraschung aller, eingestürzt ist, fortgerissen vom Hochwasser, angeblich erst in allerjüngster Zeit. Der Bach brodelt immer noch braun, das Badezeug haben wir, wie empfohlen, umsonst eingepackt. Denn es bleibt uns nichts anderes übrig, als am obersten Treppenabsatz anzuhalten, um den Wasserfall, der auf der gegenüberliegenden Seite von weit oben aus dem Wald in zwei parallelen Wasserläufen in die Tiefe fällt, aus der Distanz zu bestaunen. Zwar gischtet es eindrucksvoll, dennoch hält sich die Begeisterung derjenigen in Grenzen, die auch schon andere Wasserfälle gesehen haben und jetzt hier stehen und nicht näher rücken können.

Stattdessen steigen wir den rutschigen Pfad wieder bergan, um uns auf den Weg zu machen zurück nach Munduk. Achtlos entsorgter Müll links und rechts der Seitenstraßen, was uns nach der längeren Wanderung nicht mehr überrascht, denn der Müll ist ständiger Begleiter. Selbst in den Bachläufen hängen überall Plastikabfälle, die mit höheren Wasserständen demnächst fortgeschwemmt werden, um sich irgendwo anders wieder abzulagern. Das ist ein ziemlicher Graus, und der Fremde aus dem „sauberen“ Deutschland wundert sich, weshalb die Balinesen einerseits so achtlos ihren Müll um sich herum verteilen und andererseits so aufmerksam und hingebungsvoll ihre vielen Altäre tagtäglich mehrmals mit Blüten und Reis schmücken. Das passt irgendwie nicht zusammen. Oder doch? Bei genauerem Hinsehen liegen auch viele der kleinen Gebinde zerfleddert auf den Gehwegen, nachdem sie ihren Dienst als Opfergabe getan haben. Von Müllentsorgung keine Spur. Oder ist das eine Entsorgung nach indonesischer Art, weil man in tropischen Regionen darauf setzt, dass sich die Natur den natürlichen Abfall in einem beschleunigten Zersetzungsprozess schnell wieder zurückholt, ohne zu bedenken, dass sich der gedankenlose Gebrauch von Plastikverpackungen dieser Gewohnheit widersetzt?

In Munduk quirrlt das Alltagsleben der Einheimischen. Ladenreihen mit Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen, zahlreiche Warungs, Unterkünfte für Reisende, lärmende Motorräder und Autos. Man kommt an dem einen oder anderen Haus aus der holländischen Kolonialzeit vorbei, als der Ort noch so etwas wie die Sommerfrische der Kolonialherren aus Singaraja war.

Wir wandern gerne zurück in die Ruhe des abgelegenen „Sanak Retreat Bali“.

Montag, 27. Februar 2017: Über eine Hochebene

Noch ein Wasserfall

Zuallererst ein Geburtstagsständchen für Wilfried beim Frühstück. Wir singen, das Hotelpersonal strahlt, ein weiteres deutsches Gästepaar sitzt stoffelig am Nebentisch und tut so, als würden sie nichts mitbekommen.

Putu weiß, wie eine Geburtstagstour abwechslungsreich arrangiert werden kann. Gleich hinter Munduk, nachdem wir einige weitere Kurven bergauf genommen haben, entlässt er uns zu einem weiteren Wasserfall.

Der Weg zum Red-Corral-Wasserfall beginnt bei einer steilen Haarnadelkurve oberhalb Munduks, welche am beschrifteten Parkplatz und an den Touristenläden zu erkennen ist“ (www: Munduk). Diesmal ist es ein mit Platten ausgelegter Weg, der etwa 500 m in eine Schlucht hinunter führt, vorbei an Nelkenbäumen und an Rot- und Gelbblühendem in tropischer Waldvegetation. Mitten im Wald und etwa auf halber Strecke ein paar Hütten, vor denen eine ganze Reihe von Vogelkäfigen baumelt, in denen eine bunte Vogelschar vor sich hin singt und zwitschert. Ein Weg zweigt zu einem „Café“ ab, das über dem Wasserfall liegen soll. Wir steigen weiter ab, bis wir abermals an einem Bachlauf landen. Über eine Treppe gelangen wir zum Ablauftrichter des Red-Corral-Wasserfalls. Droben aus dem Wald fällt eine ordentliche Schüttmenge in den rundum bewaldeten Talkessel, wo sich der Wasserniesel in den Bäumen und Sträuchern verfängt.

Hortensien-Plantagen

Die Strecke von Munduk nach Ubud ist lang, aber Putu lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und schaukelt uns durch Wälder, an Kaffee- und Nelkenplantagen vorbei, weiter hinauf auf die Hochfläche zu einem Aussichtspunkt, an dem sich einheimische und ausländische Ausflügler offenbar gerne treffen. Auf der einen Straßenseite eine kleines Touristendorf mit Souvenirshops, einem Warung und Imbissbuden, auf der anderen eine Aussichtsplattform, wo ein einheimischer Alter eine touristische Nische gefunden hat und den Besuchern seinen Miniaturzoo vorführt: Auf einem hölzernen Balken sitzt ein „Drache“ (Leguan), der seinen Kamm aufstellt und das Maul zischend aufreißt, wenn man sich ihm nähert, daneben hängt kopfüber ein Flughund, und aus einem Korb windet sich eine Schlange, die man sich um den Hals hängen darf – gegen eine entsprechende Gebühr für exotische Selfies.

Der Aussichtspunkt liegt auf dem Rand eines riesigen Kraters, von wo aus sich ein weiter Blick ins Tiefland öffnet, in dem sich die Zwillingsseen Danau Tamblingan und Danau Buyan ausbreiten, die erst durch ein Erdbeben und einen Erdrutsch voneinander getrennt wurden. Die Ufer des längeren Danau Buyan sind von Dörfern und Feldern eingefasst. Der Danau Tamblingan dagegen scheint in einem unzugänglichen Urwald vor sich hin zu dämmern, einzig drei abgelegene Tempel sollen an seinem Ufer stehen. (Im Internet ist von herrlichen Trekking-Touren zu lesen, die in dieser Gegend unternommen werden können, und abermals kommt in mir dieses immer wiederkehrende sehn-
süchtige Gefühl auf: Dort möchte ich runter, um den Wald und den Uferstreifen zu erkunden, die Zeit unbegrenzt.)

Wir befinden uns in einer Höhe von über 1000 m, auf einer Hochfläche in angenehm frischer Luft. Überall blüht es uns in einem hellen Blau entgegen: Ein ausgedehntes Hortensienfeld schließt sich an das nächste an, dicht mit kleineren Hortensiensträuchern besetzt, an denen blaue Blütenkugeln hängen. Die Blüten werden en masse gepflückt; Körbe, Säcke, zusammengebundene Ballen mit Hortensienblüten; ein ganzer Kleinlaster fährt mit einem Blütenberg an uns vorbei. Hier oben finden also die ersten Opferarbeiten statt: Pflege der Hortensienplantagen und Blütenpflücken; es folgt der Blütentransport, lastwagenweise, in die Dörfer und Städte der nahen und weiteren Umgebung; dort erwarten die Gläubigen die Hortensienkugeln bereits, um die Gebinde zu verschönern, die sie tagtäglich an den Tempeln und den vielen großen und kleinen öffentlichen und privaten Altären ablegen, um die Götter geneigt zu stimmen.

Irgendwo fahren wir in ein Dorf hinein, das zwischen den Hortensienfeldern fast verschwindet, wenn es nicht zusammengehalten würde durch die in allen Farben prächtig blühende Zufahrtsstraße. Besonders auffällig die großen Hibiscus-Sträucher, die ihre fotogenen Riesenblüten in flammendem Rot oder sattem Orange der Sonne entgegenhalten.

Affen und Menschen in Koexistenz

Ein Stück weiter, es geht schon talwärts, ein kurzer Halt am so genannten „Monkey Hill“, wo wir uns von den Affen amüsieren lassen, die ohne Scheu links und rechts der Straße im Wald herumturnen, je nach Lust und Laune. Während vor allem die Jungen ihre Kletterkunststücke unternehmungslustig vorführen, döst der oder die eine oder andere Alte am Straßenrand vor sich hin, ohne sich vor den menschlichen Besuchern aus der Ruhe bringen zu lassen. Einer hat eine leere Cola-Dose gefunden, die ihm als Spielzeug dient.

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Affenwerbung für ein weltbekannte Firma (Anmerkung, damit Tierschützer nicht auf die Barrikaden gehen: eine Zufallsaufname!)

Pura Bratan am Vulkansee

Danau Bratan heißt der dritte Bergsee, ein Vulkansee, dessen Wasser als heilig gilt. Gleichwohl dient er auch ganz weltlichen Vergnügungen. Am Seeufer liegen allerlei kleine Wasserfahrzeuge, die für Bootsausflüge auf dem See genutzt werden können. Überhaupt lässt sich der Eindruck eines Vergnügungsparks nicht von der Hand weisen. Schon beim Einrollen auf den großen, genau sortierten und (fast) voll belegten Parkplatz, der von zahlreichen Souvenirbuden im Halbrund umstellt ist. Einfachere Warungs und edlere Restaurants schließen sich im Parkgelände an. Überall touristischer Hochbetrieb, selbst in der Low Season und schon am späten Vormittag, wenn die Touristenbusse noch nicht eingeparkt haben, einheimische Ausflügler und international Reisende in bunter Mischung.

Die meisten sind natürlich wegen des berühmten Wassertempels Pura Ulun Danu Bratan oder Pura Bratan gekommen, der die Besucher und Hobbyfotografen aus nah und fern anlockt und jeden Reiseführer, Reiseblog und wohl auch sämtliche privaten Fotoalben ziert. Man weiß nicht, wohin man sich zuerst wenden soll, um all die Schönheiten dieser fremdartigen Tempelanlage zu erfassen, die auf einer kleinen Insel am Seeufer liegt und zugleich von einer großen und kunstvoll bepflanzten Parkanlage umgeben ist.

Vom König von Mengwi im Jahr 1663 als hinduistisch-buddhistischer Tempel erbaut, dem Schöpfer Shiva geweiht, Anfang des 20. Jh.s durch Erdbeben (oder Vulkanausbrüche?) teilsweise zerstört und danach wieder aufgebaut. Der Haupttempel Pura Penataran Agung Batur ist von mehreren Pavillons umgeben, faszinierende und farbenprächtig bemalte Holzkonstruktionen. Ein buddhistischer Stupa mit fünf meditierenden Buddhas, Kennzeichen für die Integration buddhistischer Elemente in die hinduistische Tempelanlage. Merus, mehrstöckige hinduistische Tempeltürme, die, vom Wasser umspült, auf vereinzelten Inselchen stehen, die Zugänge von kunstvoll gearbeiteten (Götter-)Figuren bewacht oder geschützt. Der herausragende, elfstöckige Meru ist der balinesischen Wassergöttin Dewi Danu gewidmet, das zeremonielle Zentrum, an dem die Göttin um eine „lebensspendende“ Versorgung mit Wasser ersucht wird. Denn der Bratan-See wird von zahlreichen unterirdischen Quellen gespeist, und von den Ausschüttungen des Sees hängt die ertragreiche Bewässerung und Bewirtschaftung der Felder und Plantagen in den umliegenden Regionen maßgeblich ab.

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Eine Insel des Wassertempels Pura Bratan

Der Wassertempel Pura Bratan gilt zurecht als ein kultur- und kunsthistorisches Highlight, und wenn es dem Besucher gelingt, den touristischen Trubel um sich herum auszublenden und sich auf Einzelheiten zu konzentrieren, kann er sich ganz dem Bestaunen der Architektur hingeben, in der die tiefsitzende religiöse Tradition der Balinesen ihren glanzvollen Ausdruck findet.

Und dann rollen wir über Nebenstrecken und durch zahlreiche Dörfer auf Ubud zu.

Mittwoch, 1. März 2017: Ubud

„Bali Moon“

Die Lobeshymnen der Gäste des „Bali Moon“ in Ubud wollen nicht enden, und die allermeisten sind länger geblieben als geplant oder wollen wiederkommen (www.balimoon, ubud). Das hat die beiden „Girls“ überzeugt, sie haben ebenfalls gebucht, und wir haben’s nicht bereut. Im Gegenteil: Die Lage vortrefflich, am Rande von Reisfeldern, (fast) mitten in der Natur, in der Ferne Bergzüge als Grenzlinien zum Horizont – und als natürliche „Wetterstation“: Wenn dunkle Wolken dahinter aufziehen, bleibt ein Regenschauer wenig später nicht aus. Schon die kurze „Zufahrt“, höchstens mit dem Motorroller, „sicherer“ fußläufig zu bewältigen, führt durch Reisanpflanzungen. Einige Warungs und Restaurants ganz in der Nähe, und selbst der Stadtkern von Ubud ist in kurzer Zeit zu Fuß zu erreichen.

In der unmittelbaren Umgebung sieht man auch noch andere Homestays, manche erst in neuerer Zeit errichtet. Aber der eigenartige Charme des „Bali Moon“ fängt den Gast sofort ein. Das dreistöckige Haus mit den verwinkelten und versetzten Gebäudeteilen gleicht irgendwie einer balinesischen Tempelanlage. Man ist von liebevoll gepflegter Tradition bis unter die Dächer umgeben: Zwei fabelwesige Skulpturen bewachen das steinerne Eingangsportal; ein großer geschnitzter Garuda, der mythologische Göttervogel, wacht über die Rezeption. Hausaltäre. Wunderschön geschnitzte Türrahmen, in denen dicke Holztüren sitzen. Davor große Balkone, auf denen man draußen sitzen oder eine Decke zum Sonnenbaden ausbreiten kann. Im Inneren der Räume balinesisches Mobiliar und ein imponierend hochgesetztes Doppelbett, das den Müden noch Kletterkünste abverlangt, bevor sie sich zur Ruhe legen können. Dafür werden sie (im obersten Stockwerk) durch einen herrlichen Blick nach draußen belohnt, falls sie sich nicht für anderes interessieren. Sogar die Firste der spitzgiebeligen Dächer sind mit Figürlichem in balinesischem Stil besetzt.

Das „Bali Moon“ vermittelt den Eindruck, hier treffe man noch auf das „alte“ Ubud, erwische noch einen Zipfel der ursprünglichen städtischen Kultur auf Bali.

Die „transitorische“ Stadt Ubud

Ubud durchstreift man dagegen mit eher gemischten Gefühlen, weil man auf jeder Straße in die Ambivalenz von Tradition und Moderne, von balinesischer Alltagskultur und internationalem Tourismus hineinstolpert. In dieser Hinsicht gleicht Ubud auf Bali Yogya auf Java. Im einen wie im anderen Fall wird das Ursprüngliche durch das Neue überbaut, das Traditionelle wandelt sich zum Antiquierten, dem das Verschwinden droht. Alastair Bonnett hat diese Verwandlung von Orten in seinen zahlreichen „psychogeographischen“ Essays aufmerksam beschrieben und analysiert: „Wie in vielen Städten immer noch zu erleben ist, verliert die Welt mit der Entsorgung der Vergangenheit mehr als nur seltene und wundervolle Landschaften. Man beseitigt damit auch die Erinnerungen, Geschichten und Beziehungen, welche die Menschen sozial wie individuell zusammenhalten“ (Bonnett, 2016, S. 34). Zurück bleibt das „Bedürfnis nach Wiederverzauberung“ (S. 13). Auch Ubud stellt sich dem fremden Besucher als ein derartiger „Transitraum“ dar, wobei der Fremde das Transitorische vielleicht noch schärfer wahrnimmt als die Einheimischen, die über Jahre hinweg und erst allmählich in diesen Wandel hineingeglitten sind.

Da gibt es noch immer das traditionelle Einerseits: Die engen Straßen und Gassen, die für Autos und schon gar nicht für SUVs oder LKW angelegt wurden; die noch schmaleren, löcherigen und holperigen Gehwege, auf denen Fußgänger kaum aneinander vorbeikommen; die ehrwürdigen Altäre, an denen tagtäglich mehrmals geopfert wird. An der Jalan Raya Ubud kommt man an dem Palast vorbei, der noch immer vom alten Fürstengeschlecht bewohnt wird, ziegelstein-ummauert und abgeschirmt gegen das laute Draußen, während in den Schreinen des Inneren die heiligen Erbstücke der königlichen Familie aufbewahrt werden. Selbst beim Bauen und Renovieren ist noch harte Hand- und Körperarbeit gefragt. Da Maschinen in den engen Straßen keinen Platz finden, muss Schaufel für Schaufel Erde ausgehoben und Eimer für Eimer weggetragen werden, und die Frauen balancieren die schweren Mauersteine auf dem Kopf dorthin, wo sie gebraucht werden. Es gibt den großen Markt im Zentrum, in dem es alles zu kaufen gibt, was fürs alltägliche Leben gebraucht wird.

Dieses Einerseits wird jedoch überall überlagert und gleichsam wegintegriert durch das moderne Andererseits. Der zentrale Markt als Beispiel: Irgendwo in der schattigen Tiefe stößt man auf jenes Gewirr von Budengassen, wo Lebensmittel aller Art, frisches Obst, Gemüse und Fleischliches ausliegen. Am Morgen trifft man dort fast ausschließlich Einheimische, die körbeweise einkaufen, um sich mit Nahrungsmitteln einzudecken. Das ist wohl der „alte“ Markt, auf dem die Bevölkerung von Ubud ihre Einkäufe wie ehedem tätigt. Schon in den Ladenreihen mit den vielen bunten Stoffen und Klamotten lässt sich das nicht mehr genau ausmachen, denn dort findet sich viel Modisches, das auch zahlreiche Touristen nach Passendem für sich selbst oder nach Mitbringseln durchsuchen. Und im großen Eingangsbereich des Marktes, der erst so gegen 10 Uhr für den touristischen Ansturm hergerichtet wird, findet man nur noch wenige Gebrauchsgüter. Stattdessen häufen sich nur noch sinnige und unsinnige Souvenirs: balinesische Puppen, Schnitzwerk, Masken (wahrscheinlich industriell gefertigt) und allerlei andere „Souvenirs“. Und als Steigerung überflüssigen Blödsinns: Totenköpfe an Schlüsselanhängern, Totenköpfe als Halsketten und riesige Holz-Penisse als Flaschenöffner. Mittendrin der Treppenaufgang zu einem kleinen Tempel, der von einer pinkfarben gespritzten Entenschar eingenommen wird, die zum Verkauf in Szene gesetzt wurde.

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Auf dem „transitorischen“ Markt in Ubud

Aber nicht nur auf dem Markt, auch in den Straßen fällt die Entsorgung des Ursprünglichen ins Auge. Sie werden überrollt und verstopft von einem überbordenden Verkehr, wobei sich die zahllosen Motorroller und Autos gegenseitig behindern und die Fußgänger sich dazwischen nur noch mit kalkuliertem Risiko fortbewegen können; wie es auf den Straßen und in den Gassen früher ausgesehen hat, kann man sich nicht einmal mehr vorstellen. Nicht nur an der Jalan Raya Ubud, die durchs Zentrum führt, wurden die Cafés, Bars und Restaurants für die ausländischen Touristen ansehnlich bis vornehm herausgeputzt. Sie wechseln sich ab mit Ladenzeilen, Boutiquen und Galerien, in denen Angebote für die gehobenen Ansprüche einer internationale Kundschaft ausliegen: schöne Kleidung in modischem Up-to-date, glitzernder Schmuck in stilistischen Varianten, hochwertiges balinesisches Kunsthandwerk, dekoratives Interieur fürs „Schöner Wohnen“. Und in der Tat, der Blick ins Innere offenbart, dass die Cafés und Bars und Ladengeschäfte vornehmlich das Interesse der Ausländer auf sich ziehen, während sie von den Einheimischen gemieden werden. Letztere bevorzugen die zwischen die edleren Stores hineingequetschten Buden für ihre preisgünstigen Einkäufe: Keine schicken Schaufenster, in denen attraktive Einzelstücke dekorativ ins Blickfeld gerückt werden, stattdessen platzsparend gestapelte Gebrauchswaren, denn wer dort einkauft, weiß, was er sucht, und kauft, was er benötigt.

„Doch trotz Tourismusboom und aller Konzessionen an den Zeitgeist hat Ubud sich viel von seiner Ursprünglichkeit bewahrt“ (Dusik, 2015, S. 167). Um diese Ursprünglichkeit zu entdecken, muss sich der Besucher allerdings erst gezielt und optimistisch auf die Suche machen. Dann wird er sie eher in den Nebenstraßen und an den Rändern des Städtchens finden. Im Zentrum dominiert, wie gesagt, das Transitorische.

Tanz und Musik

Auch die Tanzdarbietungen, mit denen sich Ubud als „Kulturzentrum“ einen Namen gemacht hat, scheinen vornehmlich für die ausländischen Besucher arrangiert zu werden. Wir besuchen die Performance der „Sadha Budaya Troupe“ in der großen offenen „Festhalle“ gegenüber dem Ubud-Palast. Dargeboten wird ein „abwechslungsreicher“ Querschnitt traditioneller Tänze: Gabor (Welcome Dance), Baris (Warrior Dance), Legong Kraton Dance, Taruna Jaya Dance und andere mehr. Wenn man sich umsieht, erblickt man weit mehr Touristen als Einheimische, obwohl gerade ihnen die Bedeutung der Tänze verborgen bleiben dürfte, selbst dann, wenn sie im schmalen Programmheft nachlesen. Hand- und Fingerbewegungen voller Anmut, weit aufgerissene Augen und rollende Augenbewegungen in maskenhaft erstarrten Gesichtern, kreisende und seitwärts ruckende Kopfbewegungen, komplizierte Schrittfolgen mit spannungsreichen Fußaufsätzen mal auf dem Ballen, mal auf der Ferse, schnelle Pirouetten, kraftvoll und kämpferisch stampfende Schritte – jeweils mit Bedeutungen aufgeladen, die man nicht kennt, so dass nur das Staunen über das fremdartige Bewegungsrepertoire übrig bleibt, das sich ständig mit geringen Variationen zu wiederholen scheint.

Der Rhythmus wird vorgegeben durch ein vielköpfiges Gamelan-Orchester unter der Leitung eines erhöht mittig sitzenden „Oberhämmerers“, der die Orchestereinsätze durch ausholende Armbewegungen „dirigiert“. Die anderen Instrumentalisten – es sind nur Männer – hämmern auf mehreren Metallophonen und Xylophonen, was das Zeug hält und die Instrumente an metallischen Klängen hergeben. Die ebenfalls vorhandenen Bambusflöten, Trommeln und Gongs kommen nur selten und gleichsam interpunktierend zum Einsatz. Die gewaltige Tonerzeugung wird durch die vielen Hämmer erreicht, deren Form an die Instrumente von Geologen erinnert.

Die Besucher aus westlichen Kulturkreisen werden folglich mit einer befremdlichen Klangwelt konfrontiert. Da sie ihm keine gewohnten Harmonien gönnt, fühlt er sich zu dieser Musik nicht hingezogen. Auch dann nicht, wenn er sich vorab oder im Nachhinein über die kompositorischen und instrumentellen Details der verschiedenen Stilrichtungen der Gamelan-Musik informiert (z. B. bei Wikipedia: Gamelan); auch dann nicht, wenn er versucht, die fremdartigen Tonfolgen mit den ritualisierten Tänzen in Verbindung zu bringen, indem er beides auf YouTube noch einmal in Wiederholungsschleifen auf sich einwirken lässt (www.Balinese Gamelan in Ubud Palace). Weder das eine noch das andere macht den Zuschauer bzw. Zuhörer kundiger oder gar vertrauter. Man bleibt auf Distanz, fühlt sich durch das Zuschauen tänzerisch gesättigt und beim Zuhören metallisch zugedröhnt – noch bevor die Darbietung an ihr Ende kommt.

Ubud – das kulturelle Zentrum von Bali

Ubud gilt zurecht noch immer als kulturelles Zentrum von Bali – trotz seiner Anverwandlung der Moderne und dem damit einhergehenden Verlust des Ursprünglichen. Zwar ist „das Idyll der 1930er-Jahre, als sich europäische und amerikanische Künstler und Bonvivants hier niederließen, … dahin“ (Dusik, 2015, S. 167). Kunst und Kultur scheinen in Ubud jedoch weiterhin bewahrt und gefördert zu werden. Die verschiedenen Museen und zahlreichen Galerien, in denen neben „klassischer“ balinesischer Kunst auch die Moderne gesammelt und ausgestellt wird, legen Zeugnis davon ab. Vor allem jene Kunstbeflissenen, die der Malerei zugetan sind, kommen auf ihre Kosten (vgl. im Überblick Dusik, 2015, S. 168 ff.). In den nahen und ferneren Orten der Umgebung wird das alte Kunsthandwerk der Schnitzer und Möbelhandwerker, der Gold- und Silberschmiede, der Maler, der Schirmmacher und der Puppenspieler traditionsbewusst weiter gepflegt. Und manche Tempelanlage in Ubud und Umgebung zieht den Besucher hinein in die alt-balinesische Kulturtraditionen.

Man muss sich wiederum viel Zeit nehmen, wenn man den vielen malerischen Empfehlungen der Reiseführer und der Reiseblogs im Netz folgen will.

Donnerstag, 2. März 2017: In Candidasa

Im „Sea Breeze“

Für letzte Tage bringt uns ein Taxi an die Küste nach Candidasa im Osten von Bali, wo uns die Hotelanlage „Sea Breeze“ ihre Tore öffnet. Von dort aus, so die Überlegung, ist der Flughafen von Denpasar schnell zu erreichen, wenn demnächst der Flieger auf uns wartet.

Das „Sea Breeze“ liegt am Ortsrand von Candidasa (oder ist’s ein dörflicher Vorort?). Abgelegen und ruhig. Komfortable Wohnräume mit Meerblick, auf einem weitläufigen, rasengepflegtem Gelände verteilt. Bar und Restaurant im Freien, schattenspendend überdacht, ein paar Meter entfernt von der Uferbefestigung, mit weitem Ausblick auf die See bis zum fernen Horizont, begleitet vom sanften Meeresrauschen (www: Sea Breeze, Bali). In der Ferne liegt ein Frachtschiff vor Anker, tagelang unbeweglich; in der Nähe dümpeln drei Boote an Bojen, die mit ihren Auslegern aussehen wie riesige Wasserläufer“. Da der kleine Strandflecken nur bei Ebbe über glitschige Treppenstufen erreichbar ist, laden zwei sonnengewärmte Pools auf dem Gelände zum Baden und Schwimmen ein. Wer jedoch Abkühlung sucht, muss unter die kühle Dusche oder den Abstieg ins Meer wagen. Dort kann er zwischen bunten Tropenfischen herumschnorcheln, die kreuz und quer durch und über kleinere Korallenbänke schießen.

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„Wasserläufer“

Auf der künstlich angelegten Uferbefestigung sonnen sich große Krabben, die sich vom Sonnenbaden auch dann nicht abbringen lassen, wenn sie immer wieder von Wellen überschwappt werden. Nicht die Wellen, sondern der etwa ein Meter lange Waran, der sich ebenfalls am Ufer aufhält, wird den Krabben gefährlich. Mit seinen Zeitlupenbewegungen täuscht er Bewegungsarmut vor, um dann blitzschnell zuzupacken, wenn sich eine der Krabben hinter eine Steinkante unaufmerksam abgelegt hat. Die Krabbenjagd des Warans ist in doppelter Hinsicht erstaunlich – nicht nur, weil der Waran so plötzlich von Trägheit auf Schnelligkeit umschalten kann, sondern auch, weil sich die Krabben überrumpeln lassen, die ansonsten schon bei der geringsten Bewegung die Flucht ergreifen.

Ein schönes Pisani-Abendbild: „Schließlich verblich das Licht, und die Technicolor-Sonnenuntergänge begannen, mit feinen Rosatönen um das weiche Grau in den Wolken oben und einem Feuerkessel am Horizont darunter, das Meer glasdunkel geriffelt“ (Pisani, 2015, S. 182).

Die dörfliche Umgebung

Hinter längeren Zufahrtswegen versteckt liegen neben dem „Sea Breeze“ noch andere Hotels entlang eines Küstenstreifens. Dazwischen eine verwucherte Wiese unter Palmen, auf der ein Bauer seine Kühe weidet. Auf der anderen Seite der schmalen Zufahrtsstraße zu den Hotels ein Wald, in den Holperpfade hineinführen, auf denen man hie und da zu einer bäuerlichen Holzhütte gelangt, um die herum ebenfalls Vieh weidet.

Weiter zum Dorf hin reihen sich bescheidene Wohnhäuser mit mehr oder weniger gepflegten Gärtchen davor oder dahinter und den unverzichtbaren Hausaltären. Im einen oder anderen Wohnhaus ist ein kleiner Lebensmittelladen untergebracht. Befinden wir uns hier nun im ursprünglichen ländlichen Bali, das sich dem Tourismus nur zögerlich öffnet? Mit den wenigen versteckten Hotels und einigen gemütlichen „Restaurants“ nebst jenem Warung, der sie mit seiner Urgemütlichkeit noch übertrifft und den Spaziergänger schon mit dem handbeschrifteten Holzschild über dem Eingang hineinzieht: „Wenn Du bei uns nicht isst, verhungern wir beide.“ Wer sich dort niederlässt, wird von waschechten Balinesen bedient, die Deutsch weder sprechen noch verstehen. Wie ist diese deutschsprachige Einladung wohl entstanden? Auf Englisch radebrechen dagegen funktioniert, weshalb die im Inneren ausgehängte erfahrungsgesättigte Notiz bei den Besuchern ankommt: „Sitting beside my husband I said: ‘I love you.’ He replied: ‘Is that you or he wine talking??’ I said: ‘It’s me … talking to the wine!!’“

Fast schon am Ende der Dorfstraße, steht jenes schöne Haus mit dem noch schöneren Garten, in dem man sich wohltuende Massagen gönnen kann, eine ganze Stunde lang und höchst preisgünstig. Danach, schon an der Straßenkreuzung, kommen nur noch der Kindergarten und die Schule, die sich an ein Tempelgelände anschließen. Die schuluniformierten Mädchen – wenigstens sehe ich nur Mädchen – erscheinen bereits vor Unterrichtsbeginn, um das Laub vom Schulhof zu kehren. Schulleben, über das sich selbst die deutschen Reformpädagogen gefreut hätten!

Samstag, 4. März 2017: Ausflüge in die Umgebung

Eine Radtour

Im langgezogenen „Zentrum“ von Candidasa sieht es ganz anders aus als in unserem bescheidenen Vorort. Das ehemalige Fischerdorf sollte offenbar in einen Touristenort umgemodelt werden, was aber nicht so recht gelungen ist. Candidasa ist also wiederum im wenig attraktiven Transitorischen steckengeblieben.

Die Hauptstraße, auf der der Durchgangsverkehr in beiden Richtungen durch Candidasa rollt, ist für Radfahrer eher riskant als genüsslich. Fast ohne Unterbrechung werden sie von Motorrollern, PKW und LKW überholt, wobei manche die Ausmaße ihrer Fahrzeuge offenbar nicht so richtig einschätzen können. Auch die Streckenführung, vorbei an Hotels, Restaurants, Läden, Verkaufsbuden und allerlei undefinierbaren Gebäuden, ist nicht gerade interessant. Abstecher an den Strand lohnen sich nicht, weil ein schmaler Sandstreifen höchstens bei Ebbe auftaucht. Da die vorgelagerten Korallenbänke angeblich vor Zeiten abgebaut und zerstört wurden, um Baumaterial zu gewinnen, hat sich das Meer den Sand wieder zurückgeholt; daraufhin wurde der Küstenstreifen überall künstlich befestigt, so dass das Wasser zum Baden nur noch an manchen Stellen zu erreichen ist.

Allein bei der Umrundung der Seerosen-Lagune, die mitten im Städtchen liegt und bis an die Küste heranreicht, kehrt Ruhe ein. Unzählige rosablühende Seerosen schwimmen auf der Wasseroberfläche, die beinahe die ganze Lagune bedecken. Ein merkwürdiges Farbenspiel: Morgens blüht der See, aber schon am frühen Nachmittag schließen sich die Seerosenblüten, so dass vom überhauchten Rosa nur noch das Blättergrün übrig bleibt. Kinder hängen ihre kleinen Angeln ins Wasser (obwohl ich nirgendwo Fische erkennen kann). Andere tauchen am Uferrand nach dicken Wasserschnecken, die dort offenbar zuhauf sitzen, denn sie haben schon einen ordentlich Beutel voll herausgefischt. (Kann man die wohl essen?) Eine stille, geradezu romantische Oase; „ein Seerosentraum“ (Dusik, 2015, S. 219).

In einiger Entfernung auf der anderen Straßenseite steigt eine steile Treppe zu einem Tempel hoch, der auf einer Hügelkuppe zu erkennen ist. Wer ihn erreicht hat, dürfte Buße getan haben, wenngleich die Allerwenigsten mit dieser christlichen Motivation die vielen Treppenstufen erklimmen werden.

In den umliegenden Dörfern wiederholen sich die Bilder: In Küstennähe fährt man noch durch ein wohlhabendes Candidasa. Die großzügig erbauten weißen Villen und die nicht weniger großzügig angelegten Gärten in den ruhigen Nebenstraßen am anderen Stadtrand machen kein Hehl daraus. Wer hier wohl wohnt? Der Kontrast zu den eher armselig wirkenden Hütten- und Häuseransammlungen, die irgendwo in den Wäldern auftauchen, entgeht selbst demjenigen nicht, der nur flüchtig mit dem Rad vorbeikommt. „Die tief in ihren Dörfern verwurzelten Menschen Indonesiens haben immer knapp über dem Existenzminimum gelebt, und Millionen sind noch heute zufrieden damit“ (Pisani, 2015, 255). Aber man möchte gerne wissen: Wie sieht der Alltag derjenigen tatsächlich aus, die dort im Abseits leben?

Tenganan

Das Taxi wird von einem Fahrer gesteuert, der aussieht wie ein mexikanischer Bandit bzw. so, wie man sich einen mexikanischen Banditen vorstellt. Er bringt uns hinauf ins Hinterland. Eine Fahrt durch eine faszinierende Hügellandschaft: Reisfelder in den Tallagen, Ausblicke von der „Höhenstraße“ in tiefe grüne Täler, weiter oben führt sie in Serpentinen durch ein geschlossenes Waldgebiet.

Und dann parken wir vor dem Eingangstor von Tenganan. Nur auf den ersten Blick ein Dorf wie jedes andere, denn das schützende Eingangstor, das nachts angeblich geschlossen wird, und die Umfriedung des ganzen Ortes zeigen an, dass nun – gegen eine Spende – ein „Sondergebiet“ betreten wird (vgl. dazu im Detail Dusik, 2015, S. 226-228). Zwei breite, parallel und geradlinig verlaufende Pflaster- und Lehmwege ziehen sich ansteigend durch das übersichtliche Dorf. Entlang der Straßen stehen einfache, eingeschossige Häuser, die wie Reihenhäuser mit gleichem Grundsriss traufständig aneinander angrenzen. Auf den Grasflächen dazwischen wurden „schmucklose Pavillons und Tempel (errichtet), in denen sich das soziale und sakrale Leben der Bali Aga abspielt. Dort ist auch die lang gestreckte zentrale Versammlungshalle zu finden, in der sich die Mitglieder des Dorfrats treffen, um wichtige Entscheidungen zu fällen.“

Die Bali Aga, die „Alt-Balinesen“, sind Nachkommen der balinesischen Ureinwohner und sehen sich als das vom mythischen Götterkönig Indra auserkorene Volk, eine Gesellschaft der Auserwählten, die sich über Jahrhunderte hinweg nach außen hin abgeschottet hat. Als Auserwählte verrichten die Tengananer, zumindest die Wohlhabenden unter ihnen, keine körperliche Arbeit auf den Reisfeldern, sondern überlassen diese, gegen einen Teil des Ernteertrages, den Balinesen aus den umliegenden Dörfern. Stattdessen widmen sie sich dem Kunsthandwerk, insbesondere der Doppel-Ikat-Webkunst und der Lontar-Malerei, und vor allem der Pflege ihrer Tradition (Adat), um die spirituelle Reinheit des Dorfes auch weiterhin zu bewahren.

Dabei ist das Leben der Dorfbewohner nach alter, prae-hinduistischer Tradition streng geregelt, eingebunden „in ein komplexes Geflecht aus religiösen Riten und Sozialgesetzen …, das die individuelle Lebensgestaltung der Menschen drastisch beschneidet“. So ist es den Bali Aga aufgrund der Tradition beispielsweise nicht erlaubt, einen Partner von „draußen“ zu heiraten; wer es dennoch tut, muss das Dorf verlassen und sich ein Leben außerhalb aufbauen; dann darf sie oder er nur noch zu Besuch ins Dorf zurückkehren. Die Probleme dieser Endogamie liegen auf der Hand: „eine mit einem drastischen Geburtenrückgang gekoppelte allmähliche Degeneration“. Tenganan hat nur noch wenige Einwohner, und unter den wenigen Kindern und Jugendlichen, die dort spielen, begegnet man auch einigen offensichtlich Behinderten. Gleichwohl ist der junge Mann, der uns durchs Dorf geleitet, ganz frohgemut. Zwar hat auch er noch keine Frau gefunden – im Dorf herrscht offenbar Frauenmangel –, aber er vertraut darauf, dass ihm der Dorfobere den Weg weisen wird.

Beim Verlassen des Dorfes kann der fremde Besucher seine Irritation nicht verbergen. Er bewegt sich in einer inzwischen gewohnten Landschaft; er findet ein Dorf in den Wäldern, bäuerlich geprägt und abgelegen wie viele andere, und selbst die Besonderheiten der Dorfanlage erkennt er erst beim genaueren Hinsehen; er begegnet Menschen, die er von den anderen Balinesen kaum unterscheiden kann – und doch ist er kaum merklich in eine offenbar ganz andere, in eine räumlich und vor allem mental ummauerte Welt eingetreten, in der Traditionen gelten, die früher oder später auf das Ableben der eigenen Ethnie hinauslaufen dürften. Auf ganz Bali sollen noch etwa 3000 Alt-Balinesen leben, abgeschottet in wenigen, verstreut liegenden Dörfern; widerständig gegen jede Veränderung ihrer eigenen kulturellen Traditionen – und das inmitten des „anderen“, der Moderne zugewandten Bali (vgl. dazu auch Reuter, 2003).

Der Wasserpalast von Tirtagangga

Wer eine ganz andere, eine „königliche“ Welt kennenlernen möchte, hat die Wahl zwischen zwei Wasserpalästen in der weiteren Umgebung von Candidasa: dem älteren Wasserpalast von Ujung (erbaut 1919-1921) in Küstennähe und dem neueren von Tirtagangga (1948 fertiggestellt), der weiter im Landesinneren, in den hügeligen Ausläufern des Gunung Anung liegt. Beide wurden von den Raja (den Herrschern, Königen) von Karangasem in Auftrag gegeben, Tirtagangga vom letzten Raja, Anak Agung Anglurah Ketut Karangasem (dessen Namen ich mir trotz mehrfachen Wiederholens nicht merken kann). Nach einem Vulkanausbruch des Agung im Jahre 1963 – der Gunung Anung überragt den Ostteil Balis auch heute noch als riesiger, 3142 m hoher Vulkankegel – wurden beide Palastanlagen zerstört und ein Erdbeben Ende der 1997er-Jahre ließ hier wie dort nur noch Ruinenfelder übrig. Ujung und Tirtagangga wurden jedoch später erneut aufgebaut und beide lo­cken heutzutage Einheimische und Fremde wieder an ihre Seen, Teiche und Badebecken. Wir besuchen Tirtagangga.

Der Eingang verstellt mit den üblichen Imbissbuden und Souvenirshops um einen Parkplatz. Dann aber steht man auf dem oberen Absatz einer Treppe, die hinunter führt in eine weitläufige Parkanlage, die geradezu barock anmutet. Der Blick gleitet über eine Landschaft aus Teichen und Seen, die sich in ihrer jeweiligen Ausgestaltung gegenseitig zu überbieten trachten. Eine bunte Vielfalt kunstvoller Bepflanzungen. Eine lange Allee von gleichartig eingefassten Springbrunnen, deren formale Strenge durch hochgewachsene, in Reih und Glied stehende Palmen noch betont wird. Kunstvoll angelegte steinerne Bogenbrücken, die Wasserläufe überspannen. Steinerne Fabelwesen, Drachen-, Löwen- Elefanten-, Stierartige, die an den Teichen sitzen und Wasser speien oder die Brückenköpfe bewachen. Herausragend der elfstöckige hinduistische Tempelturm-Brunnen, aus dessen Spitze das Wasser kaskadenartig in ein Becken fällt. Ein kleiner, schmucker Wassertempel. Ein Badebecken als „Jungbrunnen“. Ein Teich mit Lotuspflanzen, deren breitrunde Blätter unbeweglich auf der Wasseroberfläche liegen. Schwärme von Fischen in allen Größen – der Fische ebenso wie der Schwärme –, die sich in den Teichen offenbar ausgesprochen wohlfühlen. In dem Teich am Eingang wälzen sich dicke Goldfische oder Goldorfen in Fischknäueln über- und untereinander, um nach dem Futter zu schnappen, mit dem sie von den Besuchern viel zu reichlich versorgt werden. Das andere Wasserbecken am Eingang ist mit zahlreichen Trittsteinen ausgelegt, auf denen man sich über die Wasserfläche bewegen kann, um die Kunst der Steinmetze zu bewundern, die vier Reihen prachtvoll gekleideter Menschenfiguren (Krieger, Fürsten, Götter, Nymphen?) ins Wasser gesetzt haben. Wen wundert’s, dass sich nicht nur Japanerinnen mit den steinernen Wassermenschen in dekorativen und sicherlich erinnerungsträchtigen Posen ablichten lassen.

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Tirtagangga

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Wir geben uns dem Lustwandeln auf den Wegen und Stegen hin – alles andere wäre unangebracht – und schließen unser Flanieren durch den Wasserpark bei einem erfrischenden Getränk im Hotelrestaurant ab, das auf einem Hügel über den Seen und Teichen liegt. Das kleine Hotelrestaurant „Tirta Ayu“ im ehemaligen königlichen Wasserpalast wird nun vom Sohn des letzten Raja von Karangasem geleitet. Es bietet nicht nur ein sehr gepflegtes Ambiente, sondern auch einen traumhaften Blick über die gesamte Parkanlage. Wir sind uns einig: Ein würdiger Abschluss einer (zu) kurzen Tour über die Insel Bali.

Montag, 3. März 2017: Lange Heimreise

Noch ein Ruhetag im Hotel vor dem Abflug. Die wechselseitig erzählten Reiseresümees mehren sich. Das Packen und Ein- und Aussortieren beginnt. Taxifahrt zum Flughafen in Denpasar. Stundenlange Heimflüge durch die Nacht. Zwischen den Schlafphasen tauchen immer wieder Reiseerinnerungen auf, manche ins Wundersame wegdriftend. Und die Notiz von Elizabeth Pisani (2015, S. 473) will nicht mehr aus dem Kopf: „Nach und nach begann ich zu akzeptieren, dass es eine Menge über Indonesien zu wissen gibt, über die Welt und das Leben, von dem ich nie etwas erfahren werde.“

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Letztes Nach-Lesen

 

Literatur zum Nach-Reisen

Barley, Nigel (1996). Der Löwe von Singapore. Eine fernöstliche Reise auf den Spuren von Thomas Stamford Raffles. Stuttgart: Klett-Cotta.

Barley, Nigel (2015). Auf den Spuren von Mr. Spock. (2. Aufl.) Klett-Cotta 2015.

Bonnett, Alastair (2016). Die seltsamsten Orte der Welt. (4. Aufl.) München: Verlag C. H. Beck.

Dusik, Roland (2015). Bali & Lombok. (4. vollst. überarb. Aufl.) Ostfildern: DuMont Reiseverlag.

Hirata, Andrea (2015). Die Regenbogentruppe. Frankfurt: S. Fischer Verlag.

Jacobi, Moritz, Loose, Mischa, Wachsmuth, Christian (2015). Indonesien, Von Sumatra bis Sulawesi. (Stefan Loose Travel Handbücher, 2., vollst. überarb. Aufl.) Ostfildern: DuMont Reiseverlag.

Pisani, Elizabeth (2015).Indonesien und so weiter. Die Erkundung einer unglaublichen Nation. Ostfildern:DuMont Reiseverlag.

Reuter, Thomas (2003), The House of Our Ancestors: Precedence and Dualism in Highland Balinese Society. O. O.

Schiller, Bernd (2015). Lesereise Indonesien. Java, Bali und andere Sehnsuchtsinseln. Wien: Picus Verlag.

Schott, Christina (2014). Bali, Lombok, Gilis. (9. Aufl., komplett überarbeitet und neu gestaltet.) Ostfildern: MAIRDUMONT.

Wallace, Alfred Russel (2015). Der Malaiische Archipel. Die Heimat von Orang-Utan und Paradiesvogel. (2. Aufl.) Wiesbaden: Edition Erdmann.