Kanusport
Paddeltouren und Wildwasserabenteuer

Damit hat (fast) alles begonnen – noch in den 1950er- und 1960er-Jahren: mit dem Paddeln auf der Ulmer Donau, sozusagen vor der Haustür, mit den „Wanderfahrten“ auf der Donau und ihren Neben-flüssen, mit den Wildwasserabenteuern auf der Bregenzer Ach, auf Vorder- und Hinterrhein und auf den Wildflüssen der (Vor-)Alpen. Dann eine Interessenverlagerung: Trainertätigkeiten, Ausbldung von Übungs-leitern, kanusportliche Ausbildung am Institut für Sportwissenschaft. Und später noch, auf den Reisen: wiederbelebte Erinnerungen an die offenbar unvergesslichen Erlebnisse auf den vielen gemütlichen und höchst abenteuerlichen Paddeltouren. Zwei Szenen …

Szene (1): Meine Ulmer Donau

Sie begann als eine „Sandkastenliebe“, die sich aber, wie wohl bei den meisten Sandkastenlieben, gar nicht im Sandkasten abspielte, sondern auf „Vereinsfahrten“, wie sich das damals nannte. Denn meine Eltern haben die Beziehung angebahnt. Als Paddler aus Leidenschaft waren die „Ulmer Kanufahrer“ und das „Bootshaus“ an der Donau so etwas wie ihr zweites Zuhause. Dort bin ich aufgewachsen, dort habe ich einen großen Teil meiner Kindheit und Jugend an der Ulmer Donau verbracht.

Jetzt blättere ich in den alten Fotoalben von damals. Schwarz-weiß-Fotos, manche quadratisch klein, vier mal vier Zentimeter, mit gezähntem Rand. Die Akteure können nur mit einer Lupe identifiziert werden (oder meine Augen haben sich inzwischen entschärft). Später erst werden die Bilder größerformatig, geschnitten und „anschaulicher“. Ganze Alben voll, noch aus der Vorkriegszeit: Stramme Burschen und schlanke Mädels, die da auf Paddeltouren auf Donau und Iller unterwegs sind. Streng gescheitelter Kurzhaarschnitt (die Jungen), wenig gelockte, eher glatte Frisuren, die Stirn durch eine Haarklammer freigehalten (bei den Mädchen). Überhaupt ein sportlich-praktischer Habitus. Selbstverständlich immer im einheitlichen Vereinsdress, ebenfalls in schwarz-weiß, den Ulmer Stadtfarben. Weißes, ärmelloses, aber ziemlich hochgeschlossenes „Leibchen“, zwei schwarze Streifen am Halsausschnitt; dazu kurze, schwarze „Turnhosen“, nun umgekehrt mit zwei weißen seitlichen Streifen. Für die jungen Frauen irgendwie in der Art von kurzen Pumphosen, züchtig festsitzender Beinabschluss mit einem Gummizug. Das schwarz-weiße Vereinswappen auf der Brust, minimalistisch schlicht: „UKF“, Ulmer Kanufahrer.

Alles hatte noch seine Ordnung. So wenigstens der Eindruck, den die Fotos vermitteln. Sportkame-radinnen und Sportkameraden auf der Fahrt und beim Zelten. Fröhlich lachende Gesichter. Das eine oder andere individuell gebundene Halstuch, wahrscheinlich ein roter, blauer, vielleicht auch grüner Farbtupfer im Schwarz-Weiß. Die Umarmungen wirken harmlos, wenngleich nicht zu übersehen ist, dass sich manche Paare deutlich häufiger in den Armen halten als andere. Aber ich habe kein Bild gefunden, auf dem zwei sich vor der Öffentlichkeit der Kamera küssen. Auch nicht von meinen Eltern, die jener UKF-Jugendgruppe angehörten und, wie sie mir später erzählten, damals schon „zusammen waren“.  

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Szene (2): In der Rheinschlucht

Die Dörfer am Vorderrhein, seit Jahrzehnten unverändert. Stehengebliebene Zeit? Zwischen Tavanasa und Disentis: Rueun am Fluss, Waltensburg/Vuorz und Breil/Brigels in den Bergen; Schlans, Darnella, Trun, Campliun, Rabius, Surrhein, Compadials … . Die alten, großen Holzhäuser, schwergefügt, die dunklen Plankenwände mit roten Geranien behängt, rot gestrichen auch die Fensterläden. Ganze Dörfer leuchten im sattem Rot zur Straße hin. Die Leitmotive ihrer Erbauer in weiß oder schwarz schweifenden Schriftzügen an den hölzernen Fassaden „verewigt“, die kunstvollen Schriftgebilde in Schwizerdütsch oder Rätoromanisch neu aufgetragen oder bereits etwas verblichen. Zimmer zu vermieten. Auf einer unserer früheren Wildwassertouren haben wir das Angebot einmal genutzt. Knarrende Dielen, knarrende Holzbetten, knarrend die Türen der Holzschränke, die Holzdecken von dickem Balkenwerk getragen. Als Wanderer, Radler oder Paddler fühlt man sich geradezu jung in diesen Räumen mit ihren alten Holzkonstruktionen.

Die kleineren und größeren Dorfkirchen in der Dorfmitte oder auf einer der Bergkuppen spitztürmig platziert. Im Kircheninneren ebenfalls bemalte Holzdecken, Christus in Begleitung geflügelter Engel, die sich heiter zwischen Floralem niedergelassen haben (Kapelle St. Josef in Darnella); auch barock Beladenes, kunstvoll gearbeitete Altäre und Altaraufsätze, Marmor und Marmorimitationen (St. Maria Licht über Trun). Der Straße entlang Cafés und Restaurants, Tische und Stühle in der Sonne, wenn sie scheint. Kleine Bäckereien, in denen neben dem Bekannten und allerlei Süßem auch das herzhafte „Wurzelbrot“ ausliegt. Dorfläden, Autowerkstätten und holzverarbeitende Betriebe. Bei „Volg“ werden die größeren Einkäufe getätigt.

Wie oft war ich wohl schon hier? Als Jugendlicher mit den Kumpels aus der Wildwassergruppe, als „Lehrwart“ für die Vereinsübungsleiter, mit den Sportstudenten der Uni, später mit Moritz, den der Vater ebenfalls fürs Wildwasserfahren erwärmen wollte, was ihm auch gelungen ist. Jahrzehntelange Pausen, aber immer wieder eine Rückkehr. Weshalb? Wohl auch wegen jener Erinnerungen an frühere Lebensabschnitte, die ich nicht verlieren möchte.   

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